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Katrin de Vries
DIE WASSER
Theeske ist jung.
Theeske ist eine nach Jahren noch junge Frau.
Heute trägt diese junge Frau einen grünen einen karierten Mantel und helle
dünne kurze Handschuhe. Ihr Gesicht ist weiß gepudert.
Theeske steht an einer breiten an einer stark an einer fast unaufhörlich
befahrenen Straße. Theeske geht unruhig hin und her geht nicht zur Ampel
hastet in einer Lücke im Strom der Fahrmobile auf die andere Seite und
geht dort in einen Laden für Reisen hinein. Blau gestrichen ist dieser
Laden und klein und überheizt und voller Leute. In einer Schlange stehen
Frauen und Männer an. Theeske setzt sich auf einen Stuhl. Zieht ihre Handschuhe
aus.
Knöpft den Mantel auf.
Und wartet.
Langsam nur werden die Kunden weniger. Dennoch steht die junge Frau wieder
auf stellt sich an und wartet stehend weiter. Rückt langsam vor. Rückt
langsam vor bis zu einer der Vermittlerinnen von Reisen. Die Vermittlerin
von Reisen sitzt. Hat blau geschminkte Augen. Blickt zu Theeske hoch.
Theeske will die Schiffsreise über das Meer buchen. Theeske legt ihre
Handschuhe auf den Tresen und redet. Redet hin zu der Vermittlerin von
Reisen. Redet über die Reise. Redet über das Meer. Die Vermittlerin von
Reisen sitzt ganz gerade. Hört alles und sagt dann.
Seit zwei Jahren warten wir auf Sie. Wir und die anderen Passagierinnen.
Seit zwei Jahren halten wir Ihren Platz frei. Wir hätten den Platz jetzt
bald anderweitig vergeben. Wir wollten nicht mehr warten. Wir hatten genug
vom Warten auf Sie Theeske. Theeske sagt nichts. Blickt nur aus ihrem
weiß gepuderten Gesicht auf die Vermittlerin.
Die Vermittlerin von Reisen sagt weiter.
Ihre Kabine ist eine Einzelkabine. Zwei Jahre mußten wir uns gedulden.
Wir hatten uns zu gedulden. Wir hatten keine Macht über Sie Theeske. Der
Kapitän ist ein freier Mann. Er brauchte nicht zu warten als ein freier
Mann. Und als ein freier Mann wollte er nicht mehr warten auf Sie. So
ist der freie Mann gegangen. Und das Schiff war ohne Führung. Letzte Woche
jedoch meldete sich eine Frau. Diese Frau besitzt ein Kapitänspatent.
Besitzt das große Überseepatent. Sie sei der erste weibliche Kapitän.
So sagte sie. Und dieser erste weibliche Kapitän kam hierher in den Laden
und sprach sie habe gehört von dem kapitänslosen Schiff und habe gehört
von dem zweijährigen Warten und dem zweijährigen Liegen des Schiffes im
Hafen. Nun aber beginne bald die Reise und da bräuchten wir eine Kapitänin
und sie sei diese Kapitänin. Das Warten sei also zu Ende. Es fehle nur
noch die eine Frau und diese eine Frau komme nun bald und buche ihren
Platz. Das Schiff könne in wenigen Tagen ablegen. Sagte die Kapitänin.
Und ging.
Die Vermittlerin von Reisen schweigt. Und sieht Theeske an. Theeske ist
diese eine Frau. Die Vermittlerin von Reisen schiebt ihr ein Formular
hin und Theeske füllt es aus. Nie hat Theeske von einer Kapitänin gehört.
Die Vermittlerin von Reisen sagt. Übermorgen sticht das Schiff in See.
Sie müssen pünktlich sein. Unbedingt müssen Sie pünktlich sein.
Theeske nickt. Verläßt schnell den Laden. Draußen ist es dunkel geworden
und kalt. Sie schlägt ihren Mantelkragen hoch. Zieht die Handschuhe an.
Und überquert erneut die Straße. Nun an der Ampel.
Zuhause dann in ihrer
winzigen Wohnung hievt sie zwei ungetüme hölzerne Überseekoffer vom Schrank.
Es sind Geschenke ihrer Tanten. Die beiden Schwestern hatten gemeinsam
mehrere Reisen über das Meer unternommen fühlten sich schließlich zu alt
dafür und vermachten Theeske diese Koffer. Theeske. So sagten die Tanten
schon vor Jahren zu ihr. Theeske. Auch du solltest in deinen jungen Jahren
eine Überseereise machen. Bevor du verknitterst. Bevor du verkümmerst.
Und sie zwinkerten ihr zu und lachten und hoben ihre polierten Handstöcke
zum Gruß und gingen.
Sorgfältig füllt
Theeske die Koffer. In den einen muß sie zuerst etwas Großes Unförmiges
legen. Auch das kommt von ihren Tanten. Gestern hat Theeske den beiden
alten Damen am Telefon von der nun endlich bevorstehenden Reise erzählt.
Und noch am Abend waren sie gekommen.
Sie klopften an. Und als Theeske ihnen öffnete standen sie Schulter an
Schulter die eine die beiden Handstöcke vor der Brust gekreuzt und die
andere ein Bündel quer auf den Unterarmen. Sie strahlten. Theeske. Sagten
sie. Du hast nun nicht mehr viel Zeit. Aber etwas fehlt dir noch für die
Reise. Hier. Nimm dies. Packe es in einen der Koffer. Und öffne es erst
wenn du auf hoher See bist. Und die eine hatte Theeske das Bündel überreicht
und die beiden hatten sich vor ihrer Nichte verbeugt und waren mit ihren
Handstöcken pochend sogleich wieder die Treppe hinuntergestiegen.
Theeske hatte das Paket auf den Küchentisch gelegt sich hingesetzt und
es betrachtet und betastet.
Etwas Festes Längliches ist in einen groben dunklen Wollstoff gewickelt
und mit Sisal umbunden. Es ist nicht sehr schwer. Theeske konnte nicht
erfühlen was es sein mochte. Nun liegt es im Koffer von Kleidern bedeckt.
Zu den gepackten Koffern stellt Theeske eine alte aber von ihr noch nie
benutzte Tasche. Vor kurzem erst schlenderte sie über einen Markt für
gebrauchte Dinge und dachte an das Kommende und erblickte diese Tasche.
Ganz und gar ausgetrocknet und verhärtet war ihr Leder. War wie nie beansprucht
war aber viele Jahre ohne Pflege gewesen. Da mußte Theeske kaufen. Theeske
mußte die nie benutzte verhärtete Tasche kaufen. Zuhause dann rieb sie
das Leder mit Fett ein. Einmal. Zweimal. Die Tasche glänzte. Ihr Leder
wurde aber nicht geschmeidiger. Es blieb hart und steif. Die Tasche hat
einen schmalen rechteckigen Boden. Über dessen Längsseiten wölben sich
zwei halbmondförmige Seiten. Sie sind durch einen Reißverschluß verbunden.
Ist die Tasche geöffnet so klaffen die Halbmonde weit auseinander. Dorthinein
steckt Theeske nun einiges. Kleinigkeiten nur. Aber es sind ihr wertvolle
Kleinigkeiten. Die nötigen Papiere und einige Schmuckstücke. Und das letzte
das besondere Geschenk des Mannes.
Diese Tasche wird sie bei sich behalten. Die Überseekoffer werden schon
heute abend abgeholt und werden noch auf das Schiff gebracht.
Dann ist der Tag der Abfahrt da.
Theeske fährt frühmorgens in den Hafen und sieht das Schiff schon von
weitem. Geputzt und geschmückt und wartend liegt es im Wasser. Groß und
leuchtend und so weiß wie Schnee. Kleine Wellen schlagen an seinen Bauch.
Natürlich bewegt es sich überhaupt nicht. Im Hafen jedoch ist viel Bewegung.
Kräne heben riesige Kästen auf Waggons hinauf oder von ihnen herunter.
Männer kurven in beladenen und in unbeladenen Wägelchen umher. Matrosen
laufen mit Seesäcken. Und überall Möwen.
Theeske ist aus dem Fahrmobil gestiegen und geht das letzte Stück zu Fuß.
Sie starrt auf die blendend weiße Wand. Beachtet weder Matrosen noch Möwen.
Geht schnurstracks auf die Treppe zum Schiff zu. Die harte Tasche unter
dem Arm geklemmt. Ein Junge in schwarzer Hose und grüner Uniformjacke
steht an der Treppe. Begrüßt Theeske und fragt nach ihren Papieren. Sieht
ihr weiß gepudertes Gesicht. Sieht ihre hellen Handschuhe. Dann sagt er.
Sie sind so früh. Noch ist keine Passagierin an Bord. Sie sind die erste
Passagierin. Soll ich darf ich der allerersten Passagierin das Schiff
zeigen.
Theeske nickt.
Der Junge geht voran. Springt leichtfüßig die Treppe hoch. Theeske folgt
langsam. Hält sich mit einer Hand fest an dem Seil das das Geländer bildet
und umklammert mit der anderen Hand die Griffe ihrer Tasche. Von den Fußsohlen
bis in den Nacken meint sie die Schräge meint sie den Anstieg der Treppe
spüren zu können. Und mit jedem Schritt schwappt immer weiter unten das
graue Wasser. Und dann steht sie vor dem ovalen Eingang und bemerkt erst
jetzt wie hell es im ganzen Hafen ist bemerkt erst jetzt daß die Sonne
blank am Himmel steht und sieht daß es drinnen im Schiff drinnen in der
Tiefe des Ovals finster ist. Und sie hebt den rechten Fuß um über die
hohe Schwelle zu steigen. Auf See wird diese Öffnung verschwunden sein.
Nur hier im Hafen in allen Häfen klafft dieses Loch.
Der Junge geht voran. Wir gehen nach unten. Ruft er. Wir gehen zu den
untersten Decks. Sie werden diese Decks auf See nie betreten. Sie nicht.
Aber jetzt sollen Sie sie sehen. Ich will Sie Ihnen zeigen. Und er öffnet
eine Tür und geht eine weitere Treppe noch weiter hinab und macht Licht.
Lichtröhren blenden Theeske. Und es geht noch weiter hinab. Noch weiter.
Bis sie einen weiten niedrigen Raum erreichen. Es riecht reich und würzig.
Es ist die Speisekammer. Auf dem Boden stehen Zentnersäcke voll Getreide.
Voll Kartoffeln. Voll Mehl. Voll Zwiebeln. Darüber in Metallregalen große
Dosen mit Bohnen. Mit Karotten. Mit Erbsen. Noch höher Marmeladen und
Tees und Honig und Salz und Trockenobst und Kaffee. Und Säckchen voller
Gewürze. Und darüber Käseleiber und ganze Schinken und armlange Salamis.
Und unter die Decke stapeln sich Schokoladen und Schachteln mit Pralinen.
In besonderen Gestellen lagern Hunderte von Flaschen. Wasser und Wein.
Biere Säfte und Essig. Hoch oben der Sekt. Und die ganze hintere Wand
bedeckt ein gewaltiger Gefrierschrank. Glastür an Glastür. Dahinter Butterquader
und Töpfe mit Quark und Töpfe mit Sahne und sogar Flaschen mit frischer
Milch stehen dort. Warum. Sagt Theeske. Warum diese ungeheure Menge an
Lebensmitteln. In jedem Hafen kann alles gekauft werden. Nun ja. Sagt
der Junge. Keine weiß wann ein Hafen angesteuert wird. Sie werden sich
weit draußen auf offener See befinden. Sie werden sich lange weit draußen
auf offener See befinden. Die offene See ist nicht berechenbar. Dort können
Sie nicht wissen wann Sie wieder Land betreten werden.
Das ist Unsinn. Sagt Theeske. Überall rundum an den Rändern allen Festlandes
sind heutzutage Häfen zu finden.
Kommen Sie. Sagt der Junge. Ich zeige Ihnen den anderen Teil des untersten
Decks.
Theeske folgt. Sie schlüpfen in einen sehr schmalen Gang und erreichen
eine Eisentür. Der Junge stemmt sie auf und schon durch den Spalt wummert
ihnen ein Lärm entgegen. Nichts als Rohre sieht Theeske. Knallrote Rohre.
Große Rohre. Dicke Rohre. Dünne Rohre. Die Rohre laufen nebeneinander
her. Streben voneinander weg. Verlieren sich. Finden sich. Wickeln sich
umeinander. Kreuzen sich. Gehen zu zweit zu dritt oder in Bündeln in die
Kurven. Bedecken die Wände. Schweben im Raum. Kleben an der Decke. Durchstoßen
die Decke. Durchstoßen die Wände. Münden in Maschinen. Schlanke Maschinen
neben plumpen Maschinen. Vibrierende Maschinen neben ruhenden Maschinen.
Laute Maschinen neben leisen Maschinen. Maschinen mit Hebeln. Maschinen
mit Knöpfen. Maschinen mit Lichtern. Rote grüne gelbe Lichter. Und alle
Maschinen sind blank.
Wo ist der Maschinist. Sagt Theeske.
Es gibt keinen Maschinisten. Ist die Antwort. Es sind alles automatische
Maschinen. Vom Oberdeck geschieht ein wenig Steuerung. Von der Steuerfrau
und von der Kapitänin geschieht ein wenig Steuerung. Die Maschinen treiben
das Schiff an. Und die Maschinen heizen die Räume. Und erzeugen den Strom.
Es sind automatische Maschinen. Alles ist automatisch. Alles geschieht
von allein.
Aber kommen Sie. Sagt der Junge. Ich bringe Sie zu Ihrer Kabine. Keine
andere Passagierin wird dies je sehen. Nur Sie haben es gesehen. Kommen
Sie. Und schweigen Sie.
Theeske tritt in die Kabine ein. Kahl und klein ist Theeskes Kabine. Wandschrank.
Bett. Festgeschraubtes Tischchen. Dazu ein winziger Sessel. Schmaler Schreibtisch
mit Stuhl. Aber auf dem Rund des Tischchens stehen Tulpen. Daneben liegt
ein Kärtchen. Tulpen für Theeske. Steht darauf. Oh. Denkt Theeske. Meine
liebsten Blumen. Neun Tulpen. Und die Blütenkelche noch ganz geschlossen.
Das müssen die Tanten gewesen sein. Obwohl Theeske sieht daß es eine andere
Handschrift ist. Es hat wohl jemand vom Schiffspersonal die Karte nach
Anweisung der Tanten geschrieben. Denkt Theeske.
Theeske beginnt auszupacken.
Sie braucht lange dazu. So viel für warme und kalte für regnerische und
trockene für windige und windstille Gegenden hat sie mitgenommen. Zuletzt
bleibt das Bündel übrig. Sie hebt es heraus. Wiegt es in den Händen. Der
kleine Wandschrank ist bereits voll. Und da sie noch nicht auf hoher See
sind darf sie es auch noch nicht auspacken. Also wieder hinein. Denkt
sie. Oder nein. Ich lege es auf mein Bett. Heute abend sind wir vielleicht
schon weit genug draußen. Und ich bin so neugierig. Mittags dann legt
das Schiff ab. Theeske hört das Schiffshorn tuten blickt durch das Bullauge
und sieht die vielen Menschen unten am Kai stehen. Ihr winkt niemand mit
einem Fähnchen oder einem Taschentuch. Sie hat sich entschieden die Reise
alleine zu beginnen. Sie wollte von niemandem verabschiedet werden. Ich
werde den Abschied allein in mir tun. Hat sie gesagt. Ihren Tanten hat
das gefallen. Der eine Mann hat zwar geseufzt. Aber er ist klug genug
sich gelegentlich zu fügen.
Schnell ist Theeske
eingenickt. Das Bündel liegt zu ihren Füßen. Eine Stunde später wacht
sie wieder auf. Kein Möwenkrach dringt mehr durch das offene Bullauge.
Aber sie meint die See riechen zu können und geht zum Fensterrund. Es
ist so niedrig daß sie sich bücken muß um geradewegs hindurchschauen zu
können. Sie schnuppert nach der salzigen Luft und dann steckt sie ihren
Kopf durch die Öffnung. Er paßt gerade so hindurch. Sie blickt an der
weißen der riesigen Fläche der Schiffswand hinunter. Und sieht überall
Reihen von geschlossenen Bullaugen. Was tue ich da. Denkt sie. Nur ich
habe meinen Kopf hinausgestreckt. Hoffentlich bleibe ich nicht stecken
wie ein Schaf das seinen Schädel zwischen den Latten eines Zaunes hindurchgezwängt
hat.
Das Land ist schon weit weg. Der Hafen längst nicht mehr zu erkennen.
Nur noch Wasser. Überall Wasser. Hoch oben wird Theeske über dieses Wasser
getragen. Und so ist das Wasser weit unten. Jetzt schlagen die Wellen
kräftig an den Bauch des Schiffes. Aber Theeske kann nichts davon spüren.
So sanft wird sie über das Wasser getragen. Und nachmittagsgrau ist das
Wasser. Nicht blau. Adé ihr Tanten. Ruft sie. Bis dann. Mein Wartender.
Und spitzt die Lippen zum Kuß.
Das Essen kann im
Speisesaal oder in der Kabine eingenommen werden. Theeske möchte noch
heute die Anderen sehen und wird zum Abendessen in den Speisesaal gehen.
Die Vermittlerin von Reisen hatte Recht. Denkt Theeske und riecht an den
Tulpen. Zwei Jahre habe ich gebraucht. Zwei Jahre habe ich überlegt und
gezögert und gewartet. Dann erst war ich soweit. Noch aber ist es nicht
zu spät gewesen. Sie nimmt ein schlichtes aber elegantes Kleid aus dem
Schrank und legt all ihren Schmuck ab. Auch die Armbanduhr wird sie nicht
mehr tragen. Den Puder entfernt sie sich mit einem Wattebausch und legt
die Puderdose in einen der großen Koffer. Und dann malt sie sich die Lippen
rot.
Der Speisesaal liegt
auf dem ersten oberen Deck. Theeske hat es nicht weit dorthin und trifft
niemanden auf dem Gang. Erst an der Doppeltür zum Saal kommt von einem
anderen Gang her eine andere Passagierin. Beide Frauen greifen gleichzeitig
nach dem Türgriff wollen sich gegenseitig den Vortritt lassen stoßen fast
zusammen und entschuldigen sich und sind überhöflich und sind verhohlen
neugierig und dann betritt Theeske vor der anderen den Saal. Hell erleuchtet
ist der Saal. Kronleuchter fast zu mächtig für die niedrige Decke. In
der Mitte drei lange Tischreihen. Weißes Geschirr auf weißem Damast. Stühle
mit hohen Holzlehnen und roten Polstern. Einige Frauen haben schon Platz
genommen. Theeske sieht die Tischkärtchen und geht am ersten Tisch entlang.
Liest die Namen und geht in kleinen Bögen um die schon besetzten um die
vom Tisch weggerückten Stühle herum. Spürt dabei die Blicke der sitzenden
Frauen. Geht am zweiten Tisch entlang. Mehrere Frauen treten zusammen
ein und lachen und scheinen sich bereits zu kennen. Da endlich liest Theeske
am Ende des zweiten Tisches Theeske. Sie setzt sich und stellt ihre steife
Tasche auf den Boden und blickt auf die hereinkommenden und nun auch suchenden
Frauen. Der Platz links von ihr ist noch frei. Der Platz rechts ist das
Kopfende des Tisches. Dort steht kein Tischkärtchen hinter dem Gedeck.
Im Saal wird es schnell voll. Nur wenige Stühle bleiben leer. Verhaltenes
Sprechen fast Flüstern nur füllt den Saal. Da wird die Doppeltür noch
einmal von einer älteren stattlichen Frau in blauer Uniform aufgestoßen.
Die Frau in Uniform bleibt an der Tür stehen und hält einen Flügel auf
und winkt auf den Gang hinaus. Sie winkt etwas zu sich her. Es kommt herein.
Es ist eine Gruppe von sieben Männern. Sieben Männer in weißen Hosen und
mit weißen Gamaschen. In schwarzen Hemden und mit breiten und roten Kravatten.
Sieben Männer mit Schirmmützen. Mit unbewegten Mienen und mit geschlossenen
Mündern. Eine Handbewegung der Frau weist die sieben Männer an Platz zu
nehmen. Auf den vereinzelt noch leeren Stühlen sollen die Männer getrennt
voneinander Platz nehmen. Namenlose blaue Kärtchen stehen dort. Die sieben
Männer schreiten auf die Stühle zu. Keiner von ihnen blickt zur Seite.
Alle sieben setzen sich und senken die Köpfe. Die Schirmmützen ragen weit
in die Gesichter hinein. So sind nur noch die Nasenspitzen zu sehen. Und
die geschlossenen Lippen. Und jedes Kinn ist glatt rasiert.
Neben Theeske hat sich eine junge Frau gesetzt. Jung nach Jahren wie Theeske.
Nun beugt Theeske sich ein klein wenig zu ihr hin und liest das Kärtchen.
Leevke. Liest Theeske. Leevke. Sagt Theeske die Silben dehnend. Da sieht
die Frau Theeske an. Und ihr Gesicht bleibt Theeske zugewandt.
Haben Sie lange auf diese Reise gewartet. Sagt Theeske. Ja. Sagt Leevke.
Ja. Ich habe lange auf diese Reise gewartet. Und nun bin ich in anderen
Umständen. Solange mußte ich warten daß ich jetzt in anderen Umständen
bin.
Ganz schnell ging da Theeskes Blick zum Bauch der Frau hin. Glitt über
dessen noch nichts verratende leichte Wölbung. Ich bin ganz am Anfang.
Sagt die Frau. Noch ist nichts zu sehen.
Im Saal ist es still
geworden. Die ältere stattliche Frau in blauer Uniform hat gewartet bis
alle sieben Männer sitzen und geht nun zu dem einzigen noch leeren Platz.
Der einzige noch leere Platz ist der Platz rechts von Theeske. Die Frau
in Uniform setzt sich nicht. Sie stellt sich hinter den Stuhl und nickt.
Begrüßt alle Frauen mit dieser einzigen Kopfbewegung. Und beginnt dann
zu sprechen. Ich bin die Steuerfrau. Und ich heiße Sie willkommen. Die
Kapitänin wollte Sie begrüßen. Üblich wird es sein daß die Kapitänin jeden
Tag mit Ihnen hier im Speisesaal alle Mahlzeiten einnimmt. Aber heute
abend kann die Kapitänin nicht bei Ihnen sein. Sie begrüßt Sie also durch
mich und läßt Ihnen sagen sie wird bald kommen. Bald schon wird sie kommen.
Und die Steuerfrau verbeugt sich und verläßt den Saal. Ein Flüstern geht
durch den Saal.
Nun werden drei große Servierwagen hereingeschoben. Männer schieben die
Wagen und ein jeder Mann stellt sich mit seinem Wagen an einen der Tische.
Die drei Männer sind ganz in weiße in eng geschnittene Anzüge gekleidet.
Sie tragen weiße Handschuhe und ein jeder hat das pomadig glänzende Haar
glatt nach hinten gekämmt. In gleichem Tempo beginnen die drei zu verteilen.
Ihr Blick hält sich streng an den Weg hin zu den Tellern und zurück zu
den Servierwagen. Als Theeskes Teller gefüllt wird sagt Theeske laut Danke.
Der Mann antwortet nicht. Und verbeugt sich nicht. Nickt nicht einmal.
Macht einfach nur weiter und steht jetzt neben Leevke. Theeske schaut
ihn sich von der Seite an. Elegant und zugleich dezent ist jede seiner
Bewegungen. Schwarzumrandet sind seine langbewimperten Augen und seine
Miene ist vollendet beherrscht.
Theeske würde so
gerne jetzt mit Leevke reden. Aber ihr Kopf ist wie leer. Nur die allereinfachsten
Fragen scheinen noch darin. Theeske grübelt und läßt dann doch eine der
ganz einfachen Fragen aus ihrem Kopf heraus.
Theeske sagt. Machen Sie zum ersten Mal eine Schiffsreise. Ein Ja kommt
zurück.
Theeske grübelt weiter. Wieder kommt nach einer ganzen Weile nur eine
ganz einfache Frage heraus.
Die Antwort aber umfaßt nun einige Wörter.
So geht es hin und her. Zögerlich. Stockend.
Bis Leevke sagt. Ich gehe jetzt in meine Kabine. Ich bin sehr müde. Alles
in meinem Leib muß sich umstellen. Es ist erst einige Wochen alt. Aber
sein Herzschlag hat schon begonnen. Und an manchen Tagen höre ich mein
eigenes Herz so stark pochen. Vielleicht höre ich mein Herz nur deutlicher.
Vielleicht aber auch schlägt es heftiger. Dann gibt Leevke Theeske die
Hand. Gute Nacht. Sagt Leevke. Theeske blickt ihr nicht nach. Stattdessen
schaut sie auf Leevkes Teller. Viel hat Leevke in der kurzen Zeit gegessen.
Sogar das Schüsselchen mit der üppig bemessenen so süßen sahnigen Nachspeise
ist wie ausgekratzt.
Theeske ist noch
nicht müde. Also nimmt sie ihre Handtasche und geht auf das freie Deck
hinaus. Über runde Tischchen kreuzen sich Glühbirnenketten. Nackt und
bunt stehen die Lichter vor dem schwarzen Himmel. Schon sitzen die meisten
Frauen in Gruppen zusammen. Theeske setzt sich allein.
Ihre Tanten sind stets gemeinsam gereist. Wie auch Theeske sie immer nur
zu zweit erlebt hat. Kreuz und quer waren sie über das Meer gezogen und
waren zuletzt noch nach Amerika gefahren. Aber ach. Hatten sie zu Theeske
gesagt. Die Neue Welt ist nicht geeignet für solche wie wir es sind. Wir
sind gebunden an unser Sammelsurium aus Vergangenem. Wir kommen nur schwer
im Zukünftigen an. Wenig wollten sie Theeske verraten über ihre Schiffsreisen.
Unsere Fahrten waren vor vielen Jahren. Pflegten sie zu sagen. Wir waren
damals jung. Du bist jetzt jung. Heute ist alles anders. Deine Reise wird
also eine andere sein. Alles ist enger geworden. Allein das Wasser vermag
noch genau so auszusehen wie damals. Und ein Koffer bleibt ein Koffer.
Die Frauen am Nebentisch
reden als seien sie bereits miteinander bekannt. Und sie haben zu trinken
vor sich stehen.
Theeske lauscht.
Theeske beobachtet.
Theeske sieht einen der weißgekleideten Männer auf das Oberdeck kommen.
Und eine der Frauen eine ältere winkt ihn zu sich her. Theeske hört wie
sie bestellt. Ihre grauen Haare sind im Nacken zu einem Dutt festgesteckt.
Theeske wundert sich daß ihr feiner Wollpullover und ihr schöner Rock
fast ganz unter einer schlichten dunklen Kittelschürze verschwinden.
Neben dieser Frau sitzt eine Frau in den mittleren Jahren. Jetzt steht
sie auf greift in eine Hosentasche und holt ein silberfarbenes Zigarettenetui
heraus. Zierlich ist sie und betont dies durch einen weißen Rollkragenpullover
und eine enge helle Hose. Die Zierliche raucht und lacht und schüttelt
den Kopf und jetzt erst sieht Theeske den Zopf. Lange blonde Haare sind
zu einem dicken Zopf geflochten. Bis zum Po reicht der Zopf. Oh. So etwas
hat Theeske zuletzt in ihrer Schulmädchenzeit gesehen. Die Frau setzt
sich wieder schwingt den Zopf hinter die Lehne und bietet ihrer Nachbarin
eine Zigarette an.
Aber diese lehnt ab.
Theeske geht an die Reling. Sie hört die Wellen. Sieht sie im Dunkeln
glitzern. Glaubt ihr Auf und Ab zu riechen. Aber sie spürt die Wellen
nicht. Noch kein einziges Mal hat Theeske bisher die Wellen spüren dürfen.
Immer hat sie sich das Schiff als ein auf und niedergehendes Schiff gedacht.
Zwischen vielen Sternen steht ein halber Mond. Theeske reckt sich wippt
auf die Zehenspitzen und vielleicht hebt das Schiff sie nun doch ein wenig
zu ihm empor.
In ihrer Kabine sieht
sie das Bündel auf dem Bett liegen. Heute nicht mehr. Denkt sie und legt
es auf den Boden. Stattdessen nimmt sie eine der Tulpen aus der Vase streicht
sich mit dem geschlossenen Blütenkelch über die Wange. Härter als Theeskes
Haut sind dessen Blätter. Steif und dunkelgrün und wachsig. Robust genug
um Wind und Regen und Kälte zu trotzen bevor der Kelch sich allem öffnen
darf und die schwarzsamtigen feinen behaarten Staubbeutel und der feste
fleischige Fruchtknoten entblößt werden. Hier in der Wärme hier in der
Vase werden die Kelchblätter bald ihre Farbe zeigen werden vielleicht
in einem saftigem Gelb leuchten und werden schnell eines nach dem anderen
zu Boden fallen und der prall gewordene Fruchtknoten alleine wird übrig
bleiben.
Theeske steckt die Tulpe zurück zu den anderen acht. Und als sie im Bett
liegt läßt sie das Schiff hinter ihren geschlossenen Lidern auf und nieder
gehen.
Am nächsten Morgen
weiß Theeske nicht wie spät es ist. Durch das Bullauge kommt wenig Licht.
Auch untertags wird es nicht richtig hell in der Kabine. Sie blickt auf
die Uhr. Es ist noch sehr früh. So früh wie sie auf dem Festland aufzustehen
gewohnt ist. Sie sieht zur Decke hoch. Wie die Wände ist sie mit Holz
verkleidet. Theeske mag so viel Holz nicht. Aber auf einem Schiff muß
dies wohl so sein. Und jetzt das Bündel. Denkt Theeske und steht auf.
Sie holt sich die kleine Schere aus ihren Nähuntensilien nimmt das Geschenk
der Tanten auf den Schoß. Wartet so noch ein wenig. Und schneidet den
Sisal entzwei und durchschneidet die Schnur dann noch mehrmals und wickelt
das Tuch so vorsichtig ab als könnte sich der Wollstoff in etwas Empfindlichem
festgehakt haben. Sie enthüllt buntes Holz. Hebt eine Holzfigur aus dem
Tuch. Sieht eine kleine aus einem Baumstück geschnitzte Statue. Ein Kleid
und ein langer schwarzer Umhang sind ihr aufgemalt. Aber kein Gesicht.
Diese Frau hat keine Wangen keine Nase keine Augen keine Lippen. Aber
große Zähne. Blanke Kiefer und bleiche Backenknochen. Der Frauenkopf ist
ein Totenschädel mit dunklen Augenhöhlen.
Schwarze Madonna. Murmelt Theeske und sagt dann ganz laut zu sich selbst.
Das ist eine schwarze Madonna.
Lange noch sitzt sie reglos auf ihrem schmalen Bett. Das Wolltuch auf
dem Schoß und darauf die Figur. Die Hände neben den Oberschenkeln. Sie
mag das bunte das bleiche das schwarze Holz nicht mehr berühren.
Ein Kärtchen ist ihr beim Auspacken auf den Boden gefallen. Schließlich
nimmt Theeske es hoch und liest.
Theeske.
Du hälst unsere Madonna in den Händen.
Stelle sie an einem würdigen Ort auf.
Besorge dir etwas zu rauchen.
Huldige ihr.
Deine dich liebenden Tanten.
Theeske legt die
Karte auf das Bett. Wickelt die Madonna wieder in die Wolldecke und legt
sie in eine Ecke der Kabine.
Und dann geht sie in ihr kleines Bad und beginnt sich ganz langsam für
das Frühstück fertig zu machen.
Als Theeske den Speisesaal
betritt sitzt Leevke schon auf ihrem Platz und blickt ihr entgegen und
ißt dabei und hört keinen Augenblick auf zu essen.
Bin ich spät. Sagt Theeske.
Im Gegenteil. Sagt Leevke. Aber ich habe jetzt immer großen Hunger. Ich
war die erste und das Frühstück stand schon bereit. Hier. Nehmen Sie auch.
Sagt sie und hält Theeske den Brotkorb hin. Tageslicht herrscht im Speisesaal.
Die Bullaugen sind so groß daß sich von jedem Platz aus ins Freie blicken
läßt. Aber außer hellgrauem Licht ist draußen nichts zu erkennen.
Leevke setzt ihr Glas ab hat Milch auf der Oberlippe deutet auf den leeren
Stuhl neben Theeske und sagt.
Das ist der Platz der Kapitänin. Heute abend erscheint sie zum Essen.
So wurde mir erzählt. Haben Sie gewußt von der Kapitänin. Haben Sie gewußt
von einer Frau. Eine Frau befehligt das Schiff.
Ja. Sagt Theeske. Ja. Das habe ich gewußt. Bei der Buchung ist es mir
gesagt worden.
Und wie lange wird die Reise dauern. Sagt Leevke. Mir wurde nur der Abfahrtstag
mitgeteilt.
Keine weiß das. Sagt Theeske. Keine kann das wissen.
Oh. Sagt Leevke. Dann ist also alles offen.
Und sie nimmt sich einen Apfel und beißt hinein.
Später gehen beide
gemeinsam auf das offene Deck.
Hartes Licht empfängt sie. Das Schiff fährt der noch niedrig stehenden
Sonne entgegen. So weit erscheint nun das Deck. Ein großes offenes Oval.
Nackt und frei. Trotz der Tischchen. Trotz der zierlichen Stühle. Trotz
der an der Reling aufgereihten Liegestühle. Ohje. Sagt Leevke. Diese blanke
Fläche. Dieses viele Wasser. Ich möchte nicht am Rande sitzen. Als Kind
kannte ich keinen Schwindel. Und auch später konnte ich von jedem Turm
hinabschauen. Aber nun bin ich nicht mehr schwindelfrei. Jetzt fürchte
ich hineinzufallen.
Hinunterzustürzen. Sagt Theeske. Das Schiff ist sehr hoch. Und sie faßt
Leevkes Arm und führt sie zu einem Tischchen in der Mitte.
Als hätte sie auf die beiden gewartet kommt da die Zierliche die in den
mittleren Jahren mit dem langen blonden Zopf auf sie zu. Hilta ist mein
Name. Sagt sie bleibt vor dem Tisch stehen und öffnet ihr Zigarettenetui
und nimmt eine Zigarette heraus dreht deren Filter in eine lange silberne
Spitze zündet die Zigarette an und bläst den Rauch über Theeske und Leevke
hinweg.
Was machen wir jetzt. Sagt sie. Hier auf dem Schiff ist nichts los. Nicht
das Geringste. Gestern abend noch bin ich alles abgegangen und habe nichts
gefunden. Fast alle Türen habe ich geöffnet und in fast alle Räume habe
ich hineingeblickt. Es gibt keinen Filmsaal. Keine Bar. Kein Casino. Keinen
Friseur. Nicht den kleinsten Laden. Nicht einmal ein Schwimmbad. Und das
auf einem Überseeschiff. Und wir verfügen über diese ganze Zeit. Was sollen
wir nur tun. Die halbe Nacht lag ich wach und da endlich fiel es mir ein.
Hilta sagte ich mir. Wir müssen spielen. Wir spielen Ringlein Ringlein
Du Mußt Wandern Von Dem Einem Ort Zum Andern. Sie erinnern sich an das
Spiel. Es ist noch nicht so lange her. Jede kann sich daran erinnern.
Dennoch erkläre ich es noch einmal. Mir fiel letzte Nacht auf dieser dünnen
harten Matratze alles wieder ein. Also. Wir bilden einen Kreis und eine
stellt sich in die Mitte. Die in der Mitte verbirgt einen Ring in den
Händen. Die Herumstehenden haben ihr Händepaar noch oben hin leicht geöffnet.
Die Ringbesitzerin geht im Kreis herum und berührt mit geschlossenen Händen
die nach oben offenen Händepaare der anderen. Und irgendwann läßt sie
den Ring in ein Händepaar hineingleiten. Keine Dritte darf dies bemerken.
Nur die Gebende und die Empfangende wissen dann von der neuen Heimstatt
des Ringes. Und die anderen müssen sie erraten. Und eine wird es erraten
und darf dann in die Mitte und darf den Ring erneut vergeben. Und wir
alle singen dazu. Ringlein Ringlein Du Mußt Wandern Von Dem Einen Ort
Zum Andern. Sie alle kennen dies aus früheren Tagen. Also spielen wir
es.
Hilta zieht ein letztes Mal an ihrer Zigarette und drückt sie dann aus.
Nun. Sagt Hilta. Wir sind uns einig. Was ist mit euch. Mir ist ganz und
gar nicht nach spielen. Sagt Leevke und schließt die Augen. Die Sonne
ist so angenehm. Und Theeske schüttelt den Kopf. Da stehen mehrere Frauen
auf und stellen sich zu Hilta. Sie sagen nichts. Aber sie blicken alle
auf Leevke und Theeske.
Ihr habt doch gehört. Sagt Theeske. Wir wollen nicht. Wir wollen jetzt
nicht.
Da rücken die Frauen enger zusammen und kommen mit Hilta einen Schritt
näher.
Bitte. Sagt Hilta. Nur dieses eine Mal. Falls ihr beide sitzen bleibt
können auch wir nicht spielen. Bei diesem Spiel sollte es keine Beobachterinnen
geben. Und alle außer euch machen mit.
Geht in eine der Kabinen. Sagt Theeske. Oder in den Speisesaal.
Aber nein. Sagt Hilta. Dieses Spiel kann nur im Freien gespielt werden.
Das ist doch ganz natürlich. Das wißt ihr doch auch.
Also gut. Sagt Leevke. Ein einziges Mal. Zum Kennenlernen. Da treten die
Frauen auseinander und einige räumen die Tische an die Seite.
Als dann alle Frauen im Kreis stehen ruft Hilta. Und jetzt den Ring. Wer
streift einen Ring ab.
Aber keine rührt sich.
Einen Ring. Sagt Hilta. Wir brauchen einen Ring.
Alle blicken auf ihre Hände und keine nimmt einen ihrer Ringe ab oder
zieht den einzigen vom Ringfinger.
Alles wartet.
Da endlich hält es die alte Frau in der Kittelschürze nicht mehr aus und
sie dreht an ihrem einfachen Goldring und reicht ihn Hilta.
Dann werde ich den Anfang machen. Sagt Hilta und stellt sich in die Mitte
des Kreises und schließt ihre Hände. Die anderen beginnen leise und unsicher
zu singen und Hilta geht herum geht von einer zur nächsten und berührt
jedes Händepaar.
Ihr müßt lauter singen. Sagt Hilta. Viel lauter. Niemand kann euch hier
hören. Hier auf hoher See. Alles wird sogleich von der Weite verschluckt.
Also singt laut.
Und der Gesang schwillt an. Hilta geht langsam weiter. Geht mit Bedacht
geht mit gleichmäßigen Schritten und stellt sich schließlich in die Mitte.
Zeigt ihre leeren Hände. Und der Gesang verstummt.
Nun ratet. Sagt Hilta. Beginnen Sie. Sagt sie zu der grauhharigen Frau
in der Kittelschürze.
Und diese zeigt auf eine junge Frau die ihr gegenüber steht. Das Händepaar
öffnet sich. Es ist leer.
Nun Sie. Sagt Hilta. Und die junge Frau zeigt auf Leevke. Leevke öffnet
ihre Hände. Und in Leevkes Händen ruht der Ring. Da werden Theeskes Augen
dunkel. Und Hiltas Augen glänzen.
Also tritt Leevke in den Kreis. Der Gesang hebt jetzt kräftiger an und
Leevke geht von einer zur nächsten berührt ein Händepaar nach dem nächsten.
Leevke berührt Theeskes Hände und sieht Theeske dabei an. Theeske spürt
den Ring nicht. Leevke geht weiter im Kreis herum geht ein zweites Mal
ganz herum. Und wieder spürt Theeske den Ring nicht. Da steht Leevke still.
Ratet. Sagt Leevke.
Irgendwann ist das Spiel zu Ende.
Theeske geht sofort in ihre Kabine. Legt sich auf ihr Bett und grübelt
und döst und denkt wieder nach.
...
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