FORTLAUFENDES INTERVIEW
Ihre erste Buchveröffentlichung, der Roman
LIBIDISSI, ist in der Kritik vor allem mit
Filmen verglichen worden, schmeichelt Ihnen
das oder fühlen Sie sich eher mißverstanden?
Eine Buchhändlerin, bei der ich letztes Jahr las, hat sogar
zu mir gesagt, LIBIDISSI-Lesen sei für sie wie Fernsehen
gewesen. Wenn Leseerfahrung ausschließlich mit Hilfe von
Film- oder Fernseherfahrung charakterisiert wird, passieren
notwendigerweise Verkürzungen. Vergleichbares rutscht zu
Scheinbar-Gleichem zusammen. Dann bleibt die
Imaginationsleistung des Lesenden ebenso unbeschriebe
wie die spezifische Potenz des Textes. Aber das Lob, der
mediale Respekt, der im Vergleich mit guten Filmen
mitschwingt, freut mich dennoch. Der Film ist noch ein
Leitmedium, die Literatur ist es nicht mehr. Als Fellini
seine ersten Filme vorgelegt hatte, konnte ihn ein Kritiker
noch einen Shakespeare des Films nennen. Inzwischen liegt
es dem ästhetischen Gefühl näher, Shakespeare als einen
frühen Fellini der englischen Literatur zu charakterisieren.
Ab meinem sechsten Lebensjahr ist das Kind, das ich war,
mindestens einmal im Monat ins Kino gekommen.
Filmgucken und Lesen habe ich ungefähr parallel gelernt.
Das Fernsehen, das ich für ein eigenständiges und für
das immer noch herrschende Medium halte, hat mich erst
ab meinem zehnten Lebensjahr in seinen Bann schlagen
dürfen. Das unterscheidet mich von jüngeren Autoren:
Ich bin der Television nicht im Sesam-Straßen-Alter
ausgesetzt worden, bin nicht naiv, sondern lese- und
filmerfahren in ihr Strahlfeld geraten. Aber dann hatten wir,
das große Glasauge und ich, sieben innige Jahre miteinander.
Das Fernsehen der späten 60er war meine Vorabend- und
Abendschule, bei ARD und ZDF habe ich einiges über
das Erzählen, über Spannung, Gefühl und Erkenntnis gelernt.
Und heute? Verachten Sie das heutige Fernsehen?
Wie könnte ich ein Medium verachten? Mich ärgert es,
wenn Autoren, die mit ihrer Schreibe miese Fernsehfime
und -serien mitverantworten, in zynischer Sentimentalität
von den anspruchsvollen Filmdrehbüchern schwadronieren,
die sie eigentlich gerne verfassen möchten. Das Fernsehen
ist der virtuelle Dom unserer Zeit und wenn dort ernstlich
Messe gehalten werden soll, dürfen die Beteiligten, auch
wir Autoren, nicht immer nur Kupfer in den Klingelbeutel
werfen. Ich habe als jugendlicher Zuschauer Sternstunden
des Fernsehens miterleben dürfen. Dafür haben Film- oder
Theaterleute und Journalisten, die von den Printmedien
oder vom Radio kamen, dem neuen Medium gemäß,
ihr Bestes gegeben.
Ihr Erzählband ANRUFUNG DES BLINDEN FISCHES
ist in drei Teile gegliedert, die MEMBRAN,
SCHNITTSTELLE, GESCHLECHT heißen. Das sind,
scheint mir, keine Themen. Und die drei Begriffe
bilden, für mich zumindest, auch keine Hierarchie
oder Steigerung. Wie ist es zu MEMBRAN,
SCNITTSTELLE, GESCHLECHT gekommen?
Ich habe in den letzten zehn Jahren neben der Arbeit an
längeren Texten wie LIBIDISSI immer auch
Erzählungen geschrieben. Als es daran ging den
Erzählband vorzubereiten,mußte eine Auswahl getroffen
werden. Das fiel mir, obwohl ich mich von meiner Frau
Katrin de Vries und vom Verlag gut beraten fühlte, nicht
leicht. Die Erzählungen, die mir gelungen erschienen,
standen gleichermaßen gültig vor mir, nicht einmal
eine sichere Chronologie war möglich, weil ich mir oft die
Entstehungszeit nicht notiert hatte. Die Gliederung in
MEMBRAN, SCHNITTSTELLE und GESCHLECHT
ist ein Ergebnis der Selbstbeobachtung: Wenn ich über die
Erzählungen sprach, versuchte ich etwas, was mir sehr
wichtig ist, von drei Seiten, gewissermaßen mit drei Fingern
zu fassen. Ich suchte nach Begriffen für etwas schwer
Greifbares: für eine Sphäre des Übergangs. Alle
Erzählungen handeln von einer Zwischenzone, einem
Zwielichtbereich, in dem Transfer und Verwandlung
geschehen. Membran faßt dabei das Organische, das
Innerkörperliche ins Auge. Die Membranen begrenzen die
inneren Individualitäten der Lebewesen. Sie trennen das,
was im großen Kollektiv des Körpers für sich steht:
die einzelnen Zellen, aber auch die großen Organe.
Membran bezeichnet in unserer leiblichen Organisation
genauso die Wand einer einzelnen Zelle wie die Gehirnhaut.
Die Osmose, der geregelte Stoffwechsel, der hier
stattfindet, ist ein Wunderwerk aus Einlaß und Abwehr.
SCHNITTSTELLE meint den Ort, an dem sich
Informationssysteme, vor allem die Apparate der
verschiedenen Infotechnologien miteinander vernetzen
können. Besonders brisant scheinen mir aber die
Schnittstellen zwischen Maschinen und Körpern: die
Ohrmuschel am Telefonhörer, die Zeigefingerkuppe auf der
PC-Maus, der Impulsgeber des Herzschrittmachers und
weitere, noch albtraumartigere interfaces, denen wir
wahrscheinlich schon bald ins Gesicht schauen müssen.
Das GESCHLECHT halte ich entgegen aller androgynen
Sehnsucht weiterhin für die zentrale mediale Sphäre
zwischen den humanen Einzelkörpern. Noch ist Geschlecht
Schicksal. Gerade angesichts der Gewaltakte der operativen
Geschlechtsumwandlung bleibt der transexuelle Übergang
eine Chimäre. Wir sind, wie die Kultur, an der wir Anteil
haben, täglich aufgerufen, die Sphäre ‚Geschlecht‘ neu
zu definieren, sie bildmächtig und dennoch durchlässig
wie eine Membran zu erhalten.
Apropos Geschlecht: Ein Kritiker hat in seiner
Besprechung von LIBIDISSI geschrieben, sie
verstünden nichts von Frauen ...
Das muß einer dieser ausgewiesenen Frauenkenner unter
meinen Geschlechtsgenossen gewesen sein ...
Im Ernst: Glauben Sie, daß Ihre Texte für Frauen
und Männer gleichermaßen interessant sind?
Ich glaube nicht an den geschlechtslosen Leser und noch
weniger an eine Autorenschaft, die die Welten des
Männlichen und Weiblichen gleichermaßen in sich
einschließt. Lesen ist ein Akt, bei dem die geschlechtliche
Identität der lesenden Person immer mitschwingt.
Schriftsteller, die tief aus ihrem einfühlsamen Männerbauch
heraus eine Seite lang beschreiben, was eine Frau beim
Orgasmus oder gar bei beim Gebären empfindet, sind mir
ein Greuel. Das ist die unstillbare Angstgier männlicher
Weltbestimmung: Es darf kein unkontrolliertes
Territorium geben, alles muß von unserer männlichen
Erfahrung, Beschreibung und Erklärung besetzt sein.
Heißt das, Sie schreiben nur für Männer?
Ich schreibe männlich und will nicht von vorne herein das
übliche Versteckspiel mit dem Allgemeinmenschlichen
treiben. Aber in meiner Fantasie von den Lesenden spielen
die Leserinnen eine wichtige Rolle. Natürlich, quasi mit
heterosexueller Inbrunst, wünsche ich ANRUFUNG DES
BLINDEN FISCHES Leserinnen! Das sind
Forscherinnen, die gut ausgerüstet und bewaffnet, ein
fremdes Gebiet erkunden. Der moderne Mann hat durchaus
weiße Flecke auf der Landkarte seiner Selbstdarstellung.
In gewisser Weise versteht es die männliche Kultur immer
aufs neue, ihr inneres Afrika vor dem weiblichen Auge
zu verbergen. So wie ich mein Schreiben verstehe, bin ich
immer Doppelagent dieses großen Spiels. In jeder Erzählung
bin ich gleichzeitig in das Verkleiden und in das Enthüllen
der geschlechtlichen Wirklichkeiten verwickelt.
Schon ihr Roman LIBIDISSI war reich an
rätselhaften Figuren und mysteriösen Ereignissen.
In ihrem Erzählband scheint mir jede Geschichte
wie um ein unterschiedlich deutlich werdendes
Geheimnis herumgeschrieben. Was bedeuten Spannung
und Geheimnis für Sie?
Ich bin ein Spannungsleser und werde es vermutlich bis in
mein letztes Lesestündchen bleiben. In fernen, lang
verflossenen Zeiten, in einem Kriminalroman von Agatha
Christie zum Beispiel, mag der süßeste Sinn eines
Geheimnisses in seiner Auflösung oder Aufklärung
gelegen haben. Heutzutage erscheinen mir die Errichtung
und der Erhalt eines Geheimnisses weit wertvoller und
ungleich schwieriger. In gewisser Weise sind heutzutage
die Erklärungen immer schon vor den Rätseln da. Das
mörderische Geplapper der Wissenswelten und der
Informationsmaschinen füllt jede Lücke. Man sieht es am
besten an sensiblen Jugendlichen: Früher kämpften diese
frischen Seelen darum, etwas in Erfahrung zu bringen, heute
müssen sie sich mit Händen und Füßen gegen den Ansturm
mehrfach aufgekochter Erkenntnisse verteidigen.
Wahrscheinlich sind Erfahrung und Erkenntnis, versteht man
sie emphatisch als Momente hellsichtiger Lust, längst etwas
Schutzbedürftiges geworden. Wirkmächtige Erfahrung
widerfährt vielleicht nur noch denen, die intime Techniken
der Informationsvermeidung und der Reizauswahl entwickeln.
Große Geheimnisse sind Reservate der Phantasie. Dort liegen
auch die Biotope der Literatur.
Das hört sich aber sehr nach esoterischem
Weltrückzug an. Wo bleibt da die gesellschaftlich
Aufgabe der Literatur?
Aus der Welt komme ich doch zu Lebzeiten nicht hinaus,
und zeitgenössiche Welt ist gleichbedeutend mit moderner
Gesellschaft. Literatur lesen und Literatur schreiben ist
mir nur in hochentwickelten Gesellschaften vorstellbar.
Kein Virus käme auf die Idee, den Wirtskörper, der ihn
trägt, wärmt und vervielfältigt, zu verlassen. Er könnte es
nicht einmal. Wer den ersten Satz einer Kurzgeschichte in
die Tastatur tippt, handelt bereits gesellschaftlich.
Andererseits: Wenn über dieses schiere Dabeisein hinaus
einer Autorin oder einem Autor in bestimmten Momenten
besondere soziale Bedeutung zukommt, dann geschieht dies
aus Gründen und Zusammenhängen, die mit seinem
Schreiben und seinem Gelesenwerden nur vermittelt zu
tun haben. Sogar wenn Boris Becker oder Steffi Graf unsere
Welt erschüttert haben, hatte das mit ihrem Tennis-Spiel
nur vermittelt zu tun. Bei Schriftstellern ist die Umsetzung
noch um ein Getrieberädchen komplizierter. Und die
Chance oder Gefahr, gesellschaftlich zu wirken, ist für
Autoren zur Zeit gering. Das weiß eigentlich jeder. Keiner,
der allgemeine Aufmerksamkeit und Macht anstrebt, aus
Instinkt oder Verstand, käme heute auf die Idee, Romane
zu verfassen.
In ihrem Roman LIBIDISSI lassen Sie die jungen
Dichter der gleichnamigen Stadt als eine Art Pop-
Poeten im Naked Truth Club auftreten, wollten sie
damit einige ihrer Kollegen karikieren?
Nein, die Karikatur halte ich, geschrieben oder gezeichnet,
für ein antiquiertes künstlerisches Verfahren. Karikatur
setzt den Glauben an ein einmaliges Persönlichkeitsbild,
an einen unverwechselbaren Charakter voraus. Es liegt mir
fern, die Dichter, die im Naked Truth Club die Hüften
schwingen, zu verspotten. Wenn ich sehe, wie sich
zeitgenössische Autoren in den Strahlkreis der Pop-Kultur
zu mogeln suchen, rührt mich das an. Sie zu beobachten,
schafft eher peinliche Nähe als sichere Distanz.
Schließlich war ich auch einmal jung und habe Mick Jagger
für einen bedeutenden Lyriker gehalten. Die Figur des
Künstlers, seine mediale Urgestalt, das war für in den
letzten Jahrtzehnten zunehmend der Pop-Star, vor allem der
Pop-Musiker. Inzwischen fallen in der Vorstellungswelt
junger Menschen wirkmächtige Kunst und Pop einfach
zusammen. Sie wissen nicht, daß die Pop-Kultur vor allem
eine Aufgabe hat: Pop bindet und vernichtet den
ungeheueren Energie-Überschuß,der Jugend. Was Schule
und Arbeitswelt nur noch unzureichend erledigen konnten,
hat nach und nach die Kulturindustrie übernommen. Aber
manchmal ahnen die Jungen diesen Zusammenhang mit
Unbehagen. Wenn ein Vierzigjähriger auf der Love-Parade
mitravt oder neben ihnen auf dem Open-Air-Konzert das
Feuerzeug hochhält, spüren sie instinktiv, daß zumindest
dieser alte Knabe sparsamer und ernsthafter mit seinem
Brennstoff umgehen sollte.
Gibt es dann für Sie überhaupt eine junge Literatur?
Auf jeden Fall macht es wenig Sinn, von literarischem
Nachwuchs zu sprechen. Nachwuchssportler, die gibt es,
allerdings im engsten Sinne auch nur in den Sportarten, in
den die Leistung in Zahlen gemessen werden kann. Ein
Sprinter kann zwischen seinem fünfzehnten und seinem
fünfundzwanzigsten Jahr kontinuierlich schneller werden.
Aber schon vom neunzehnjährigen Franzl Beckenbauer wird
niemand ernstlich behaupten wollen, daß er weniger gut
gespielt hat als der dreißigjährige Franz. Mit Siebzehn war
er allenfalls als Ware, als ökonomische Größe, etwas
Nachwachsendes. Es hilft hier wenig, Entwicklungs- oder
Prozeßmodelle, die aus dem Sport, aus der Biologie oder aus
der Manager-Schulung stammen, auf die Literatur zu
übertragen. In unserer Gesellschaft gibt es eine bemerkbar
große Zahl junger Schreibender. Ein kleiner Teil von ihnen
wird Material des Literaturbetriebs, der sie mehr oder minder
lang umwälzt, weil er sie braucht, wie die Mühle das
Wasser. Wenn sie bei diesem Prozeß auf glaubwürdiges
Lob und kontinuierliche Ermutigung stoßen, haben sie
Glück gehabt. Wenn ihnen der Erfolg nach dem ersten,
halbwegs gelungenen Text zu heftig an den Hals springt,
kann dem zarten Körper der Kreativität allerdings auch
das Genick gebrochen werden.
Sie halten nicht viel vom Literaturbetrieb?
Im Gegenteil: Ich bin von seiner Wichtigkeit überzeugt
und erwarte viel von den Menschen, die in ihm tätig sind.
Ich war entsetzt, als mir ein Literaturredakteur in einem
schwachen Moment gestand, daß er viel lieber im stillen
Kämmerchen Sonette schreibe, als in der Hörspielabteilung
seines Senders zu arbeiten. Keine Literatur ohne ihre
Vermittlung! Den ernsthaften und leidenschaftlichen
Vermittlern von Texten verdanke ich - als Leser und als
Autor - nicht weniger als den ernsthaft und leidenschaftlich
Schreibenden. Im übrigen sind die Grenzen fließend.
Wenn mich ein emphatisch und kunstvoll geschriebener
Feuilleton-Text oder eine Radio-Kritik auf ein Buch hinweist,
profitiere ich davon, daß der Vermittler die Textproduktion
in seinem Metier, also seine spezifische Autorenschaft,
so ernst nimmt wie ich die meine.
Das Interview wird fortgesetzt. Der Antwortende dankt den
ersten beiden Fragestellern.
