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"Erinnerungsverzicht
ist eine Option moderner Existenz"
Thomas Combrink
interviewt Georg Klein in Göttingen am 14.7.2004
COMBRINK: Ihrem
neuen Buch "Die Sonne scheint uns" stehen ein Zitat von Wolfgang Hilbig
und eines von Friedrich Schiller voran. Beide Textstellen handeln von
Zeit. Welche Rolle spielt Zeit in Ihrem Buch?
KLEIN: Die
Hauptrolle, aber diese Hauptrolle spielt ein unsichtbarer Darsteller.
Zeiterfahrung ist vielleicht neben dem Schweregefühl, das die Basis unserer
Leiberfahrung bildet, unsere zweite existenzielle Grundwahrnehmung: Alle
geistigen Prozesse vollziehen sich in Zeit. Zeit ist das Medium unserer
mentalen Selbstwahrnehmung. Rätsellhaft bleibt uns diese Erfahrung bis
zuletzt. Gleichzeitig sind wir täglich gezwungen mit Zeit zu verfahren,
als wäre sie das Selbstverständlichste von der Welt. Dieses existenzielle
Dilemma habe ich für meine Figuren erzählerisch weiter verschärft, und
sie greifen in ihrer Not auf verschiedene Hilfsmittel, auf Prothesen,
Krücken, Techniken, auf all die magischen Praktiken zurück, die uns die
Kultur zur Zeitsicherung an die Hand gibt - auf Biographie und Historie
zum Beispiel.
Ein Team von fünf
Leuten sucht in einem kurz vor dem Abriß stehenden Hochhaus nach einem
alten Relikt. Die Handlungszeit in dem Haus ist auf eine recht kurze Spanne
begrenzt, und doch wird immer wieder auf die Lebensläufe der Figuren verwiesen.
Es finden sich also mindestens zwei Zeitebenen wieder.
Die extreme räumliche Begrenzung, klaustrophobisch und uferlos zugleich,
hilft, wenn es gilt, das Gefühl für Zeitsicherheit auszuhebeln. Der gleitende
Übergang in andere Formen der Zeitwahrnehmung und der Zeitdeutung vollzieht
sich viel leichter, als wenn diese Personen wie gewohnt in freier gesellschaftlicher
Wildbahn agieren dürften. Vor kurzem habe ich in einem meiner Lieblingsbücher,
in "Starfish Rules" von Tobias O. Meissner, gelesen, das Wort ‚Zeit' bedeute
nichts als unseren Versuch, mit "Mutter Alter" und "Gevatter Tod" in ein
erträglich familiäres Verhältnis zu kommen. Natürlich steht jede meiner
Figuren in einer Lebensbahn, irgendwo zwischen Geburt und Tod. Aber das
heißt nicht automatisch, daß sich jede Gestalt zu einer bürgerlichen Biographie
bekennt. Mit biographisch geordneter Rückschau und Vorausplanung, - also
mit Geschick und Tücke! - läßt sich ein Leben weiterhin zwischen perspektivische
Scheuklappen zwängen. Es geht aber auch anders: Man kann zum Beispiel
das Meiste, auch das Wichtige, schlicht vergessen.
Welche Möglichkeiten
ergeben sich denn, wenn Figuren bestimmte Dinge einfach vergessen?
Amnesie, Gedächtnisschwund wie Erinnerungsverzicht, ist eine Option moderner
Existenz. Aus ganz banaler Alltagserfahrung heraus würde ich behaupten,
daß es sich immer mehr Menschen leisten, viele Dinge aus ihrem Leben,
auch entscheidende, weitgehend zu vergessen. Auch im bürgerlichen Kulturzusammenhang,
wo die persönliche Biographie Identität schuf, wo einem das Curriculum
Vitae noch unlängst wie eine Tätowierung ins gesellschaftliche Gesicht
geschrieben stand, tauchen plötzlich eigentümliche Lückenwesen auf. Während
man früher selbstredend wußte, was man beruflich so nacheinander gemacht
hat, welche Gehäuse man bewohnt hat und mit welcher Person man wann liiert
war, sind plötzlich Leerstellen, Auszeiten, weiße Flecken erlaubt. Erzählerisch
ist eine Figur, die nicht mehr weiß, was sie vor einem Jahr oder vor zwanzig
Seiten gemacht hat, natürlich ein Potential - auch eine Möglichkeit, den
Leser, so er mit diesem unzuverlässigen Gesellen mitfühlt, aus seiner
Zeitsicherheitszelle zu locken.
Der Erzähler Bitter
Lemon hat mit einer solchen Amnesie zu kämpfen. Trotzdem bieten Sie dem
Leser noch eine weitere Erzählperspektive an, die den vergeßlichen Bitter
von außen in Augenschein nimmt.
Wenn ich mich selber in Schutz nehmen darf: Ich bin kein unfairer Autor!
Sogar dort, wo der Text dem Leser den Boden unter den Füßen wegzieht,
lässt er ihn nicht auf die Nase fallen, sondern stellt ein Kissen bereit,
daß den Sturz abfedert. Die Absicht, den Leser zu brüskieren oder zu düpieren,
liegt mir fern. Andererseits wird nur dann Phantasie über das alltägliche
Maß hinaus freigesetzt, wenn die gewohnten Kontrollmechanismen ins Leere
greifen.
Sie richten sich
an Leser, aber Ihnen geht es dennoch nicht in erster Linie um die Verkaufszahlen?
Es wäre ein fataler Fehler, den Erfolg bei Leserinnen und Lesern mit dem
ersten Verkaufserfolg gleichzusetzen. Schneller Verkaufserfolg ist von
vielerlei abhängig, von Zufälligkeiten, auch von Faktoren, die völlig
vom Text abgekoppelt sind. Wer während der Niederschrift an den fixen
Verkaufserfolg denkt, bindet sich eine dicke Bleikugel ans Bein. Und ich
wüßte jetzt einige Beispiele von Kollegen, die Schiffbruch erlitten haben,
weil sie auf Teufel-komm-raus etwas schreiben wollten, das sich groß verkauft.
Dagegen kann man eigentlich nicht oft genug an die Potenz der Lesenden
denken. Ich halte fest an der Vorstellung eines idealen Lesers, der alles
im Überfluß mitbringt: Kraft, Neugier, Zeit, Sprachgespür! Dieser Traumleser
reagiert auf die Stimuli des Textes mit einer eruptiven Phantasieentladung,
mit Assoziationen, Erinnerungen, Einbildungen, Gefühlen. Und er tut dies
auf allen Textebenen, vom ungewöhnlichen Adjektiv bis hin zu den Finessen
der Plotentwicklung.
Der Text ist handlungstechnisch
so verwinkelt, daß man ihn wohl öfters lesen muss.
Ehrgeiz jedes ernsthaften Autors ist es doch, einen Text vorzulegen, der
mehrfach gelesen werden kann. Die normale Erfahrung ist dagegen, daß man
ein Buch im ersten Durchgang für immer erledigt. Der Mehrzahl der Bücher,
die ich lese, widerfährt genau dieses Schicksal: Sie werden durch den
Leseakt regelrecht hingerichtet. Ich möchte natürlich, daß ein Text, an
dem ich jahrelang gearbeitet habe, nicht so ruckzuck dem Lektüreschafott
zum Opfer fällt. Ja, hoffentlich verlockt der Text zu einer zweiten, verleitet
zu einer dritten Lektüre! Und hoffentlich überwindet die Vorfreude auf
eine nochmals erweiterte Erfahrung den kleinen Quälgeist Unlust, der in
jedem Akt der Wiederholung steckt.
Dabei gibt es
aber doch eine Ebene des Entschlüsselns, durch wiederholte Lektüre lassen
sich die komplexen inhaltlichen Zusammenhänge erschließen.
Nicht alle,
aber viele unter den starken Lesern sind Tüftler und Knobler, und die
sollen was zum Tüfteln und Knobeln haben und die Freuden des Herausfindens
genießen. Die detektivische Ambition ist zudem eine große Verlockung,
langsam zu lesen und aus der Rezeption selbst eine intensive Zeiterfahrung
zu machen. Das flüchtige, das gehetzte Lesen, das eigentlich mit einem
Auge schon wieder aus dem Buch herausschielt, ist ein Fluch unserer Zeit.
Wenn ich Literatur ernst nehme, darf ich mich dem Diktat, just dieses
Lesen bedienen zu müssen, nicht beugen. Ich darf keine Texte schreiben,
die dieser Erfahrungsschwindsucht Vorschub leisten. Ich muss den Lesevollzug
bremsen, ihn so verlangsamen, daß Sprachgenuß möglich wird. Wirkliche
Freude am Spracherleben gibt es nur im langsamen Lesen - nicht im hektischen
Zeilengehüpfe.
Wie ist es mit
Humor? An einer Stelle heißt es, daß der dickliche Teamkollege Funny es
"wahrlich nicht versteht, sich Sympathie aufs Fett zu ziehen" und das
Hochhaus hat den Spitznamen "Der Steife Schnösel".
Humor ist mir eine Herzensangelegenheit. Und wenn ich mein Schreiben richtig
beobachte, scheint das Gewicht des Humors in der emotionalen Balance der
Romane und Erzählungen zuzunehmen. Humor ist im Gegensatz zum Spaß ein
Brennstoff, der sich selbsttätig erneuert. Spaß verpufft und ist zudem
arg eng an die jeweiligen Spaßmoden gebunden. Dagegen ist die Humorpotenz
eines literarischen Textes über mehrere Lesergenerationen hinweg auf verschiedene
Arten genießbar. Außerdem ist Humor der Ballast, der Sandsack, den der
Zeppelin des Hohen Tones braucht, um sich nicht im luftleeren Raum über
den Wolken zu verlieren. Wenn ein Text mit starken Gestimmtheiten arbeitet,
ein heftiges hochfliegendes Pathos anschlägt, dann gibt es fast zwangsläufig
Überspitzungen, übertriebene Steilheit. Dieser Pathos-Priapismus tut schlimmstenfalls
weh. Dann muß die allzu lange währende Hochgestimmtheit wie eine Dauerektion
- zu ihrem eigenen Heil und Segen! - auch wieder gebrochen werden. Und
dazu bietet sich Humor an.
Können Sie etwas
zur Rhythmisierung des Buches, zu der Einteilung und der Länge der Kapitel
sagen?
Die Entscheidung ist wirklich im ersten Kapitel gefallen. Ich habe 1999
mit ein paar fixen Ideen angefangen, hatte dann schnell das erste Kapitel
"GLAS" geschrieben. In ihm sind alle formalen Prinzipien des Textes enthalten.
Ein Gefühl für die ungefähre Kapitellänge war da und ein Gespür dafür,
wie in diesem Kapitel Handlung, Beschreibung und heimliche Reflexion zueinander
stehen. Dem konnte ich im Wesentlichen bis zum Schluß treu bleiben. Wenn
ich die Textarbeit unterbrochen hatte - und es gab oft lange Unterbrechungen!
- kamen diese Formen als Gestalterinnerung unwillkürlich beim Lesen zurück.
Kannten Sie den
Ausgang des ganzen Textes bereits am Anfang der Niederschrift?
Ich vermeide es tunlichst, mir den Plot genau zurechtzulegen. Tief abergläubisch
befürchte ich, daß ich, sobald ich alles im voraus wüßte, jede Lust verlöre,
es noch aufzuschreiben. Meistens habe ich eine Handvoll bildlicher Vorstellungen,
Raumphantasien vor allem, und die halten an, unabhängig davon, welche
theoretische Reflexion sie wie eine immer neu bespielte Tonspur begleitet.
Auf einem Blatt notiere ich mir, was ich noch machen möchte. Wenn alles
Notierte verwendet ist, lege ich mir ein neues Notizblatt an. Bei diesem
Roman habe ich diese Zettel zum erstenmal aufgehoben. Ein junger Germanist
hatte mir nämlich freundlich, aber entschieden gesagt, er glaube mir dieses
allzu schlichte Verfahren nicht. Jetzt kann er sich meine kleine Zettelwirtschaft
mal angucken.
Auch dieses Buch
hat wie die anderen Romane ca. 220 Seiten.
Ja, das war für mich in den letzten Jahren so ein Bekömmlichkeitsmaß,
eine Lesetrecke, wie ich sie selber gern zurücklege - zumindest, wenn
der Text mit Spannungsmechanik operiert. Das heißt nicht, daß ich in Zukunft
unbedingt an diesem Modell festhalte. Eine meiner Traumvorstellungen ist
natürlich schon, daß jemand ein Wochenende Muße hat und das Buch in diesem
Biotop am Stück liest. Die meisten Zeitgenossen leben aber nicht in solch
privilegierten Umständen. Dies gilt übrigens auch für mich selbst. Mit
Wehmut denke ich an die Jahre zurück, in denen ich Bücher in einer Nacht
lesen konnte. Es gibt paradiesische Zeit-Räume der Lektüre, vielleicht
geht mir im Alter wieder ein solcher auf.
"Libidissi" gilt
als Agentenroman und "Barbar Rosa" als Detektivgeschichte. Im Klappentext
von "Die Sonne scheint uns" ist nun von einem Horrorroman die Rede. Dabei
ist der Text doch eher zwischen den Genres anzusiedeln. Oder?
Purismus ist der Tod jedes Genres. Wenn ein triviales Genre Reinheit anstrebt,
sterilisiert es sich selbst. Blicken wir doch in unsere Lesegeschichte
zurück und überlegen, welche Schauergeschichten wir mehr als einmal genießen
konnten!- Bei mir wäre dies zum Beispiel "Dr. Jekyll und Mr. Hyde", eine
Erzählung, die ich bestimmt acht- oder zehnmal gelesen habe. Auch bei
Robert Louis Stevenson erneuert sich der Reiz in der Unreinheit, dort,
wo die Grenzen des Genres unterlaufen werden und fremde Formprinzipien
in den Text hineinspielen. Sogar Schriftsteller, die im Alltag wohl verbohrte
Rassisten waren wie Lovecraft oder Celine, schickten ihren Reinheitsirrsinn
zum Teufel, wenn es ans Schreiben ging. Allerdings hat das Nachdenken
über konstante Merkmale der Schauergeschichte bei "Die Sonne scheint uns"
schon eine Rolle gespielt hat. Wie unerschöpflich ergiebig ist zum Beispiel
das Spukhaus! Es liegt wohl vor allem daran, wie sich ein solches Haus
zur Vergangenheit verhält. Das bloße Dasein eines Gebäudes scheint uns
einleuchtende Gewähr dafür, daß es vergangene Zeit gibt. Das architektonische
Artefakt und dessen Mobliar, die handliche Miniatur der Architektur, gelten
fast jedem als sinnfälliges Zeugnis für das, was offensichtlich einmal
war. Häuser beweisen uns, daß Vergangenheit existiert. Zum Geisterhaus
der Horrorgeschichte gehört die selbstverständliche Annahme, daß dieses
Vergangene böse ist. Hier sind die Toten nicht auf eine beruhigende Art
und Weise hinüber. Ihr Verhältnis zu uns ist nicht im Lot, sondern sie
sind mißgünstig, rachsüchtig, neidisch, ja voll Gier nach dem Blut, dessen
Süße sie entbehren müssen. Ein kluger Mensch läßt also die Finger von
der Vergangenheit, läßt sich möglichst gar nicht auf ein Spiel mit den
Toten ein und geht auch nicht in Häuser, von denen jedes Kind wissen kann,
das sie verflucht sind. Aber die Literatur schickt ihre Helden und uns
just in diese Gehäuse hinein ...
Vergangenheit
bedeutet aber auch Zeitgeschichte, so wird zum Beispiel der Luftkrieg
angedeutet.
Wir haben im Deutschen die sprachliche Vetracktheit, das die bürgerliche
Historie, also die dominante Erzählung vom Vergangenen, mit ihrem Gegenstand,
dem vergangenen Leben unserer Toten, im Wort "Geschichte" zusammenfällt.
Dies ist keine Kleinigkeit, sondern hat viel mit Lebensbeherrschung, Lebensgefühl
und Lebensglück zu tun. Momentan erlebt die bürgerliche Historie, vor
allem die jüngere Zeitgeschichte, in vielen trivialen Formen, in Fernsehserien
und biographischen Schmöckern, erneut einen Boom. Viele Menschen sehnen
sich danach, ihre kleine handgehäkelte Lebensgeschichte mit den prächtigen
Strickpullovern der großen Historie verknüpft zu sehen. Mittlerweile bieten
Verlage jedem, der sein persönliches Material und das nötige Geld bereitstellt,
die Möglichkeit, den Lauf seines Lebens zwischen zwei Buchdeckeln zu bringen
und damit zu einem Stück ‚höherer' Geschichte zu machen. Es liegt mir
fern, über diese Sehnsucht zu spotten. Andererseits deuten gewisse hysterischen
Aspekte darauf hin, daß hier etwas in kuriosen, hybriden Auswüchsen zu
Ende geht. So wie sterbende Bäume besonders viele Geiltriebe aus dem morschen
Holz hervorschießen lassen. Es gibt ja keine stabile bürgerliche Elite
mehr, die sich durch historisierende Erzählung ihrer Lebenszeit und ihres
Lebenssinns versichert. Die Menschen, in deren Lebensbericht sich die
Zeitgeschichte wie von selbst zu Sinn verzinst, sind rar geworden. Wir
spüren ein Defizit. Wie tritt man in Zukunft vor die Vergangenheit? In
welchem Verhältnis stehen wir zu unseren Toten? Diese Frage ist offen.
Die Karten werden gerade neu gemischt. Besonders brisant ist dabei unser
Verhältnis zu den wirklich Alten, zu denen, die wir, ohne dabei respektlos
zu sein, unsere nahen, unsere kommenden Toten nennen dürfen. Sie werden
sterben, während wir fortdauern. Sehr alt zu werden und langsam zu sterben
gilt in unserer Kultur schon fast als eine Schande, zumindest als eine
Belästigung derer, unter deren Augen und Händen man stirbt. Der Greis
ist heutzutage alles andere als eine ehrenwerte Figur ...
Der Greis Gabor
Cziffra, Hauptfigur Ihres Romans, wird aber als eine respekt- und würdevolle
Figur dargestellt.
Schön, daß Sie dies so empfinden. Ich habe wirlich alles, was ich erzählerisch
aufbieten kann, zum Kampf an diese heisse Front geworfen. Und wenn sich
dort nur so etwas wie ein Gleichgewicht der Kräfte ergibt: Wenn das Alter
nicht stumm in Schande und Verachtung versinkt, ist schon viel gewonnen
....
Welche Rolle spielen
Namen bei Ihnen? Die Mannschaft in dem Hochhaus arbeitet mit Decknamen.
Der bürgerliche Name ist noch immer einer der sichersten Anker in die
Vergangenheit und zugleich ein Sextant, mit dem wir die Sterne möglicher
Zukunft anpeilen. Kein Wunder, daß wir ihn weiterhin ganz am Anfang unseres
Lebens von unseren Erzeugern bekommen. Der Name wird nicht von Vater Staat
und nicht von Mutter Gesellschaft, nicht zum Abitur und auch nicht zur
ersten Kontoeröffnung verliehen. Durch die Neutaufe, die meine Helden
im Buch erleiden, werden sie ein stückweit dieser Sicherheit entrissen.
Sie reagieren ganz unterschiedlich darauf. Derjenige, der die größten
Probleme mit dem neuen Namen hat, weil er sich durch ihn auf eine schäbige
Art entlarvt fühlt, hat auch das brüchigste Verhältnis zum Weiterleben,
zum Überleben in Gefahr.
Im Erzählzusammenhang
läßt sich bei genauer Lektüre eine Inkohärenz feststellen. So erzählt
Bitter Lemon, daß das Lesen nie seine Stärke war, trotzdem teilt er seine
Beobachtungen in einem elaborierten und ausdrucksstarken Deutsch mit.
Wie geht das zusammen?
Damit fragen Sie nach der Wahrscheinlichkeit des Erzählers. Jeder literarische
Erzähler ist in einem gewissen Maße unwahrscheinlich, weil die Erzählsituation,
die ein Text vorgibt, von Anfang an eine künstliche ist. Es gibt Tricks,
diese Künstlichkeit wiederum künstlich zu kaschieren, zum Beispiel, indem
man in einem inneren Monolog oder in einer erlebten Rede versucht, einem
allgemein bekannten Jargon treu zu bleiben. So etwas langweilt mich in
der Regel zu Tode. Interessanter finde ich den Versuch, die Künstlichkeit
des Erzählers über das übliche Maß hinaus zu steigern. Bei den Lesern
gibt es eine Bereitschaft, hier mitzugehen, weil der Singsang eines hochartifiziellen
Erzählers das euphorische Freiheitsgefühl, das ein Text mit Glück induzieren
kann, viel eher möglich macht als der Sermon eines Typs von nebenan. Bitter
Lemon, dessen Handicaps Sie ansprachen, hat in seiner Not andere hypertrophe
Fähigkeiten entwickelt. Er ist trotz seiner Lese- und Schreibstörungen
ein Intellektueller eigener Art.
Im Unterschied
zu Ihren früheren Büchern sind Sie von der Topograhie einer Stadt übergangen
zur topographischen Darstellung eines Gebäudes. Bietet das erzählerisch
mehr Freiheiten oder mehr Zwänge?
Es führt erstmal zu einem enormen Zwang. Wenn man relativ viel geschrieben
hat, sucht man nach solchen Herausforderungen. Ich spüre zunehmend Lust,
mir Aufgaben zu stellen, wo es gleich mit Hürden losgeht, und ich nicht
bloß die altgewohnte Mittelstrecke laufen muss. Vielleicht ist das ist
ein Versuch der Selbstanstachelung. Die Erschwernis bei "Die Sonne scheint
uns" liegt in der Beschränkung von Ort, Zeit und Figurenkonstellation.
Das setzt zunächst ein recht rigides Realismuskonzept. Und das geht in
Ordnung, denn man ist dem Leser so etwas wie eine Realismusillusion schuldig.
Der mag es nicht, wenn Raum, Zeit und Identitätszusammenhänge gleich am
Anfang zum Teufel gehen - wobei natürlich die allmähliche Brechung das
Interessante ist. Wie weit geht der Leser mit? Was akzeptiert er noch?
Das Hochaus wird
fast als ein reizvoll häßliches Gebäude geschildert.
In den letzten Jahren haben die großen Feuilletons regelrechte Nachrufe
auf Bauten der fünziger Jahre veröffentlicht, bevor diese abgerissen wurden.
Meist sind diese Häuser Kinder einer verspäteten, ausgenüchterten Moderne,
wie sie in Deutschland auf den kurzen Rausch der Machtarchitektur folgte.
Ich habe diese Gebäude in langen Zeiträumen meines Lebens als häßlich
empfunden. Jetzt, wo sie allerorten beseitigt werden, empfinde ich dies
aber auch als schmerzlich. Verspätet dämmert mir, was mir die ersten steilen
und glatten Hochbauten bedeutet haben, als sie mir in meiner frühen Kindheit,
noch bevor ich ein Fernsehkind und halbamerikanisch wurde, vors ungeschützte
Auge kamen. Diese selbstbeschnittene Monumentalität, diese Grandiosität,
die sich in ihrem Großtun kasteit, das ist wohl eine wichtige ästhetische
Erfahrung für mich gewesen.
Sie leben mit
Ihrer Familie in Osfriesland. Dort findet sich doch eine stärker von der
Natur geprägte Landschaft vor?
Nein, eigentlich nicht. Wir leben in einer weitgehend künstlichen Umgebung.
Das Stück Land, auf dem wir sitzen, ist vor 200 Jahren eingedeicht worden.
Es ist also ein Terrain, das dem Meer abgerungen wurde, nachdem die alte
Küste schon im Mittelalter von Sturmfluten weggerissen worden war. Das
Wissen um diese Neulandgewinnung verbindet sich mit dem Eindruck, wie
dieser hochfruchtbare einstige Meeresboden industriell bewirtschaftet
wird, riesige Monokulturen mit großen Maschinen. Dort, wo wir leben, ist
Natur also zugleich etwas Gemachtes, vom Menschen Gestaltetes. Den Rehen,
die dorthin nachgewandert sind, fehlt der Wald, also ducken sich untertags
in die künstlichen, geradlinig verlaufenden Entwässerungsgräben.
Könnten Sie sich
vorstellen, über eine Gegend in Ostfriesland zu schreiben?
Ja, wenn ich ein für mich fruchtbares Realismuskonzept finden könnte.
Eine einfache Möglichkeit wäre es, die hiesige Landschaft auf einen anderen
Planeten zu verlegen. So ließe sich jedes interessante Motiv, von den
Marskanälen bis zu Marsrehen, auf originelle Art erzählen.
Sie arbeiten auf
eine ungewöhnliche Art mit Bildern. In einem der gelungensten und gleichzeitig
auch finstersten Bilder in "Die Sonne scheint uns" entdeckt das Teammitglied
Vita ein Tonbandgerät, das die Stöhngeräusche eines Pornofilms wiedergibt.
Dieses Gerät wird von einer dahinterliegenden Lichtquelle bestrahlt, die
sich als eine Taschenlampe im Mund des toten Teamkollegen Funny entpuppt.
Es findet eine komplexe Verschränkung mehrerer Bildebenen statt.
Ich habe Ähnliches auch schon vor 20 Jahren gemacht, aber mir war damals
nicht klar, wieviel diese komplizierten Anordnungen mit ihrer Staffelung
von Vorder- und Hintergründen und den nötigen Perspektivwechseln, wieviel
diese Arrangements der Vorstellungskraft des Lesers abverlangen. Dies
dämmerte mir eigentlich erst in der Arbeit mit meiner Lektorin Ulrike
Schieder, die mich auf Schwierigkeiten sowohl der Gestaltung als auch
der Lektüre aufmerksam gemacht hat. Ich kann aber auf diese Arrangements
nicht verzichten, als Bilder entstehen sie unwillkürlich und stehen dann
pulsierend, irgendwie atmend auf der Stelle. Da gibt es eine vorsprachliche
Dimension. Das Bild wird erst scharf, wenn ich es in Worten ausarbeite,
aber auch vorher war schon alles da, wie durch eine unscharfe Froschlinse
gesehen. Die Niederschrift justiert dann die Objektive.
Die Kapitelüberschriften
im neuen Buch heißen unter anderem "Glas", "Papier", "Öl", "Kalk", "Phosphor".
Anscheinend sind die sinnlich wahrnehmbaren, einfachen Materialien wichtig.
Dort, wo die Distanz zwischen Blick und Fingerkuppe gering ist, finden
sich Sphären, die ungewohnt starke Gefühlen provozieren. Wenn es um Oberflächen
geht, ist das Zärtliche dem Eklen oder dem Schaurigen sehr nahe. Ob das
jetzt Schleim oder Flaum ist oder besondere Formen des Rauhen und Porösen.
In "Die Sonne scheint uns" lag es immer ganz schnell ganz nahe, den Dingen
und den Personen auf die Haut zu gehen.
Gibt es für Sie
zeitgemäße und als Gegenpol auch veraltete Literatur?
Es gibt auf jeden Fall Literatur, die ich als ängstlich empfinde, weil
sie in allem auf "Nummer Sicher" geht. Wenn Literatur in der Konkurrenz
zu anderen Künsten noch eine Rolle spielen kann, dann eigentlich nur,
wenn sie Mumm hat und Risiko eingeht. Literatur, die nach dem Sicheren
schielt, gräbt sich ihr eigenes Grab. Dann ist sie gegenüber den konkurrierenden
Medien wie dem Fernsehen, dem Film und gegenüber dem, was gerade im Computerspielbereich
entsteht, chancenlos. Ich bin nicht evolutionsgläubig ich halte eine lineare
Entwicklung in der Literatur, auch einen kontinuierlichen Niedergang für
unwahrscheinlich. Aber es gibt ganz sicher Veränderungen, die sogar hin
bis zu einer Art Verschwinden gehen können. Völlige Bedeutungslosigkeit
der Literatur ist für mich eine denkbare Möglichkeit. Vielleicht kommt
in 20 oder 30 Jahren kein intelligenter und inspirierter Mensch mehr auf
die Idee, seine kostbare kreative Zeit mit Literatur zu verschwenden,
weil es originellere, wirkmächtigere Optionen gibt. Auge in Auge mit ihren
großen Konkurenten muss sich die Literatur etwas einfallen lassen.
Und das versuchen
Sie mit "Ihrer" Sprache?
"Meine" Sprache? Ein fragwürdiges Possessivpronomen! Die Sprache besitzt
die Individuen. Das verhält sich so, wie es sich mit dem Leben verhält:
Nicht wir besitzen es; das Leben besitzt uns. Und so wie das Leben das
einzelne Individuum erschöpft und ausgelaugt hinter sich läßt, so läßt
natürlich auch die Sprache jeden Sprecher eines Tages hinter sich. Ach,
die Größe UNSERER Sprache! In diesem grandiosen "Unser" sind Trost und
Schrecken unlösbar ineinander verschränkt. Die Sprache, die uns - gleich
einem "Du" - so viel Lust schenken kann, wird uns ganz kaltschnäuzig-beiläufig
überleben und sich andere Liebhaber zur Brust nehmen. Das Trockenbrot
der Endlichkeit - auch der Sprachvirtuose beißt es zuletzt allein. Sein
Deutsch nimmt keiner mit ins Grab.
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