Katrin de Vries

 

Die Tasche

Ein dramatischer Akt

 

 

PERSONEN:

Ditha

Fomma

Ait

ORT:

Am Rande des Wassers

 

 

Ditha

Mein Name ist Ditha.

Mein Name ist schon lange.

Ich bin die die gebären kann.

So sind die Bestimmungen.

Wer hilft mir.

Keine.

Aber ich will eine.

Keine ist bereit.

Keine weiß etwas.

So gehe ich. Und gehe.

Ich kann gebären. Irgendwann.

Soll ich das tun.

Aber wie soll ich das tun.

Keine weiß das.

Ich sitze hier am Rande des Wassers.

Und warte.

Im Wasser sind Tiere.

Ich sehe die Tiere nicht.

Ich muß nicht gebären. Ich kann gebären.

Aber will ich gebären.

Ich tue einen Fuß ins Wasser.

Vielleicht beißt ein Tier etwas ab.

Aber dann fehlt mir vielleicht ein Zeh. Und dann.

Dann bin ich nicht mehr ganz.

Was soll nur werden.

Was kann ich tun.

Wer bist du.

 

Fomma

Ich bin alt.

 

Ditha

Bist du weise.

 

Fomma

Was ist das.

 

Ditha

Dann könntest du mir sagen was werden soll.

 

Fomma

Weißt du das nicht.

 

Ditha

Woher sollte ich das wissen.

 

Fomma

Was sitzt du hier.

 

Ditha

Ich halte einen Fuß ins Wasser.

Vielleicht beißt ein Tier ein Stück vom Fuß ab.

Von meinem Fuß.

Und du.

Was tust du hier.

 

Fomma

Ich habe dich gesehen.

So bin ich näher gekommen.

Ich bin alt.

 

Ditha

Bist du deinen Bestimmungen nachgekommen.

Hast du geboren.

 

Fomma

Nein.

 

Ditha

Dann kannst du nicht weise sein.

 

Fomma

Nein. Ich bin nicht weise.

 

Ditha

Warum nicht.

Warum hast du nicht geboren.

Ich habe Füße und Beine und Arme und Hände und einen Kopf und einen Leib.

Aber was ist in mir.

Sage mir was ist in mir.

Aber du weißt es nicht.

Das kannst du nicht wissen.

Du bist alt.

Ich bin noch nicht alt.

Wie soll ich alt werden.

Ich weiß nicht was in mir ist.

Ich halte meinen Fuß ins Wasser.

Aber nichts wird abgebissen.

Und kein wildes Tier kommt und frißt mich.

Und das Wasser geht nicht über den Rand und reißt mich mit.

Nein. Nichts passiert.

Und ich habe einen Leib.

Und ich weiß nicht was in meinem Leib ist.

Und du bist alt.

Und kommst hierher.

Was willst du.

Geh.

Irgendwann wird es Nacht werden.

Ja. Nacht wird es noch werden.

Und ich werde nicht verrückt werden.

Warum bist du nicht verrückt geworden.

Du bist alt.

Wieso bist du nicht verrückt geworden.

Auch du hast einen Leib.

Du hast schon so lange einen Leib.

Du hast nicht geboren.

Du bist nicht verrückt geworden.

Wer bist du.

Was hast du in der Tasche.

 

Fomma

Oh. Meine Tasche ist groß und breit und schwer.

Alles habe ich in der Tasche.

Alles.

 

Ditha

Dann öffne die Tasche.

Dann hole alles heraus.

 

Fomma

Nein.

Ich öffne die Tasche nicht mehr.

Ich hole nichts mehr heraus.

 

Ditha

Dann geh.

 

Fomma

Ich setze mich neben dich.

 

Ditha

So.

Und nun sitzen wir beide hier.

Also erzähle mir.

Ich halte weiter meinen Fuß ins Wasser.

Immer noch habe ich alle Zehen.

 

Fomma

Du bist jung.

 

Ditha

Das weiß ich.

 

Fomma

Sieh mich an.

Sieh meine Haut an.

Sieh meine braunen Stellen auf der Haut.

Sieh meine Haare. Meine Hände. Mein Gesicht.

 

Ditha

Ich weiß du bist alt.

 

Fomma

So wirst du einmal werden.

 

Ditha

Ich weiß nicht was in meinem Leib ist.

Und doch werde ich alt werden.

Und nicht verrückt werden.

In deinem inneren Leib war nie etwas. So sagst du.

 

Fomma

Ich habe nicht geboren. Nein.

 

Ditha

Warum nicht.

Warum wolltest du nicht gebären.

So hast du auch keinen inneren Leib.

Du wolltest keinen inneren Leib haben.

 

Fomma

Es ist nicht an dir so zu reden.

Ich bin alt.

Ich werde sterben.

Ich werde bald sterben.

 

Ditha

Aber ich will gebären.

Ich will einen inneren Leib haben.

Ich will gebären. Und später erst viel später will ich sterben.

In meinem Leib soll der andere Leib sein.

In meinem Leib soll der kleine Leib sein.

Es soll so sein.

Und später dann werde ich tot sein.

 

Fomma

Siehe. Da kommt ein Mann.

Es ist ein junger Mann.

Es ist ein sehr junger Mann.

Der sehr junge Mann ist Ait.

 

Ditha

Du kennst ihn.

 

Fomma

Ich kenne ihn.

 

Ait

Fomma.

Ich sah dich.

Ich sah dich von weitem.

Du bist die einzige Alte.

So muß ich immer wieder zu dir hin.

Du erlaubst mir nicht meinem Abscheu.

Aber ich muß töten.

 

Fomma

Ich sitze hier mit Ditha.

Ditha ist jung.

Setze dich zu uns.

 

Ditha

Was hast du da.

 

Ait

Das ist mein Schwert und das ist meine Scheide. Hier. Sieh.

Für dich hole ich das Schwert aus der Scheide heraus.

 

Ditha

Wo ist deine Pistole.

 

Ait

Heute war mir nach Scheide und Schwert.

Heute liegt meine Pistole unter meinem Kopfkissen.

 

Ditha

Zeige mir dein Schwert.

Oh. Es ist ein schönes Schwert.

Die Edelsteine glänzen.

Aber es bewegt mich nicht.

 

Ait

Willst du meine Pistole sehen.

Ich könnte meine Pistole holen.

 

Ditha

Nein.

 

Fomma

Du solltest dich davon bewegen lassen.

 

Ditha

Du tust es.

Du läßt dich bewegen davon.

 

Fomma

Ich bin zu alt dafür.

Als ich jung war konnte ich es nicht tun.

Jetzt bin ich zu alt dafür.

 

Ait

Ich wünschte Scheide und Schwert und Pistole weitergeben zu können.

Ich habe so lange gekämpft und geschossen.

Aber keiner findet sich.

Immerzu halte ich Ausschau.

Und keine schaut mit mir.

So bleiben Scheide und Schwert und Pistole bei mir.

So muß ich für immer kämpfen und schießen.

 

Ditha

Nicht für immer.

Bis zu deinem Tod. Nicht länger.

Aber es bewegt mich nicht.

Nein. Es bewegt mich nicht.

Also kämpfe und schieße weiter.

Mit mir kannst du nicht kämpfen und schießen.

Gehe zu den jungen Männern.

 

Ait

Aber. Ich wünsche Scheide und Schwert und Pistole weiterzugeben.

Keine hilft mir.

Keine sucht mit mir.

Ich kann es nicht alleine tun.

Also gut.

Ich stecke mein Schwert zurück in die Scheide.

 

Ditha

Woher hast du die Scheide.

 

Ait

Ein Waffenschmied machte mir Scheide und Schwert.

Scheide und Schwert passen ineinander.

Ganz genau passen Scheide und Schwert eineinander.

Hier. Sieh.

Die Scheide ist ausgeschlagen mit rotem Samt.

Das Schwert ist scharf und hart.

 

Ditha

Und das Schwert zerschneidet nicht den roten Samt.

 

Ait

Aber nein.

Sieh.

Das Schwert wird umhüllt von dem weichen Stoff.

Und die Spitze des Schwertes erreicht nicht das Ende der Scheide.

Sieh.

Die Scheide ist größer und länger als das Schwert.

Die Schwertspitze kann und sollte niemals das Scheidenende berühren.

Das Schwert kann niemals die Scheide beschädigen.

 

Ditha

Und du willst Scheide und Schwert und Pistole weitergeben.

 

Ait

Immerzu muß ich verabscheuen und kämpfen und töten.

 

Ditha

Und ich habe keinen inneren Leib.

 

Fomma

Das also sind eure Qualen und eure Lüste.

Und es ist schon so lange so.

Oh ja. Es ist schon so lange so.

Ich bin alt und sterbe bald. Meine Haut hat Falten und hat Flecken.

Vor mir und neben mir und nach mir sind alle gestorben und sterben und werden alle sterben.

Ich werde sterben.

Ich werde nicht getötet werden.

Ich werde nicht töten.

Ich wollte nicht töten.

Ich werde bald tot sein.

Als ich jung war gab es den Tod nicht.

Der Tod kam erst spät zu mir. Zu spät.

Ich hatte nicht geboren.

Ich sah Frauen den hervorgewölbten Bauch bekommen.

Ich sah Frauen nicht das Gebärenmüssen einüben. Ich sah Frauen nicht das Sterbenmüssen einüben.

Ich wurde nur geboren.

Das ist zu wenig.

Ich hatte keine Waffen und wollte nicht töten.

Ich erinnerte mich nicht an einen inneren Leib.

Das ist zu wenig.

Und jetzt.

Ich könnte jetzt meinen alten Fuß mit den braunen Flecken mit den dicken harten Fußnägeln ins Wasser halten.

Aber. Ich bin alt.

Junge Mädchen und junge Frauen können ihren Fuß ins Wasser halten.

Die Wollust des Mannes habe ich nie verstanden.

Sie tötet.

Sie ist überall da.

Ich verstehe sie nicht.

Ich kenne nicht das Gebären wollen und das Sterben müssen.

Zum Gebären wollen hätte ich die Wollust des Mannes gebraucht.

Ich wollte die Wollust nicht.

Ich werde einfach so sterben.

Ohne etwas zu wissen.

Vor mir und nach mir und neben mir gibt es Unzählige.

Unzählige.

Das weiß ich jetzt.

Als ich jung war wußte ich das nicht.

Unter Unzähligen gibt es ein Jung Sein und ein Alt Sein.

Mehr nicht.

Als ich jung war sprach ich. Neben mir gab es einige. Und vor mir und hinter mir gab es einige.

Jetzt bin ich alt. Es ist gut so.

Es gibt Unzählige.

Bald wird mein Leib verwest sein.

Es wird schnell gehen.

Es gibt keine Fragen und keine Antworten und keine Rührung mehr.

Ich warte auf den Beginn der Verwesung.

Es wird nichts bleiben.

Meine Tasche ist ein Relikt aus meinem Jung Sein.

Damals noch sah ich nicht die Unzähligen.

 

Ditha

Öffne deine Tasche.

Zeige deine Relikte.

 

Fomma

Meine Tasche ist alt und ist abgenutzt.

 

Ditha

Deine Tasche ist groß und ist voll.

Öffne sie.

 

Fomma

Ich will die Relikte nicht anschauen.

Ich darf die Relikte nicht anschauen.

Es sind Relikte aus meinem Jung Sein.

 

Ditha

Du trägst die Tasche bei dir.

Ich bin noch jung.

Öffne die Tasche für mich.

 

Fomma

Ich öffne die Tasche nicht mehr.

 

Ditha

Ich bin noch nicht alt.

Bitte. Öffne die Tasche.

 

Fomma

Sieh mich nicht an.

Laß mich nachsinnen.

Noch nie bat mich eine die Tasche zu öffnen.

Meine Tasche ist alt und ist schwer.

Ich schleppe die Tasche mit mir von einem Ort zum anderen.

Ab und zu habe ich etwas in die Tasche gestopft.

Früher einmal öffnete ich manchmal die Tasche und holte etwas heraus und hielt es in den Händen und sah es an.

Es rührte mich.

Das war nicht gut.

Die Rührung kam.

Die Rührung ergriff mich.

Ich sackte zu Boden.

Schwer nur konnte ich wieder zu mir kommen und konnte aufstehen und konnte weitergehen.

So öffnete ich irgendwann die Tasche nicht mehr.

Und stopfte nichts mehr hinein.

Und trug sie nur noch mit mir herum.

 

Ditha

Oh bitte.

Öffne die Tasche für mich.

Ich habe keine solche Tasche.

Ich habe nichts gesammelt.

 

Fomma

Dich wird es nicht rühren.

Ich kann für keine die Tasche öffnen außer für mich.

Gerne hätte ich die Tasche geöffnet für eine nach mir.

Es gibt keine nach mir.

Und doch. Ich öffne die Tasche.

Ich halte dir die Tasche hin.

Ich schaue zur Seite.

Also greife hinein.

 

Ditha

Das tue ich.

 

Fomma

Was hast du herausgegriffen.

 

Ditha

Sieh es an.

 

Fomma

Oh. Es ist schrecklich.

Es ist so schrecklich.

 

Ditha

Es ist eine Haarbürste.

 

Fomma

Es ist ein Relikt.

Es ist ein Relikt aus meinem Jung Sein.

Sieh meine Haare jetzt.

Meine Haare sind grau und sind wenige.

Tu es zurück.

 

Ditha

Dann hole ich etwas anderes heraus.

Hier. Sieh das hier.

 

Fomma

Wie konntest du das herausgreifen.

Tu es sofort zurück.

Sofort.

 

Ditha

Nein.

Du könntest es mir geben.

Es würde mir passen.

Ich habe kein solches Mieder.

 

Fomma

Tu es zurück.

Es ist ein Schaudern machendes Relikt.

 

Ditha

Du bist alt.

 

Fomma

Tu es zurück.

Und jetzt schließe ich die Tasche wieder.

Ich werde die Tasche hier im Meer versenken.

 

Ditha

Nein.

Bitte. Gib sie mir.

 

Fomma

Noch nie dachte ich daran die Tasche im Meer zu versenken.

Es kam mir gerade.

Ich sehe dich deinen Fuß ins Wasser halten. Da kam es mir .

Ich weiß nicht ob ich es tue.

 

Ait

Niemals würde ich Schwert und Scheide im Meer versenken.

 

Fomma

Du kannst Scheide und Schwert mit in den Sarg nehmen. Später einmal.

Wenn du dann Schwert und Scheide noch besitzt.

Noch bist du jung.

Ditha. Wende dich zu Ait hin.

Noch ist er jung.

Und noch bist du jung.

 

Ditha

Und du Fomma. Was wirst du tun.

 

Fomma

Ich werde hier am Wasser sitzen bleiben.

Vielleicht werde ich den Wurf meiner Tasche in das Meer planen.

 

Ditha

Also Ait.

Dann zeige es mir.

 

Ait

Was soll ich dir zeigen.

 

Ditha

Deinen Abscheu sollst du mir zeigen. Und deine Wollust.

 

Ait

Aber wie kann ich das jetzt zeigen.

Was soll ich tun.

 

Ditha

Ich kann das nicht wissen.

Zeige es mir.

 

Ait

Du willst wirklich jetzt meinen Abscheu sehen.

 

Ditha

Wenn du mir nichts tust.

 

Ait

Wie soll ich dir meinen Abscheu zeigen ohne dir etwas zu tun.

Das ist nicht möglich.

 

Ditha

Du verabscheust mich.

 

Ait

Ja.

 

Ditha

Ich verstehe das nicht.

 

Ait

Das ist es ja.

Ich verstehe es auch nicht.

Mein Abscheu ist schon so lange in mir.

Vielleicht war der Abscheu schon immer in mir.

Ich scheue dein Geschlecht.

Schon so lange scheue ich dein Geschlecht.

Vielleicht scheue ich dein Geschlecht schon immer.

Alle um mich herum verabscheuen dein Geschlecht.

Und so habe ich Schwert und Scheide.

Hier. Sieh.

Nimm meine Scheide.

Halte sie fest.

Halte sie ganz fest in der Hand.

Halte sie mit beiden Händen fest.

Halte sie mit beiden Händen fest zwischen die Beine.

 

Ditha

Du hast Scheide und Schwert.

Und ich soll jetzt deine Scheide zwischen meine Beine halten.

Das ist komisch.

Ist das vielleicht verrückt.

 

Ait

Das ist immer schon so gewesen.

Das ist immer schon so gewesen bei mir.

Ich wollte Scheide und Schwert.

Ich wollte beides.

Ich kann die Scheide nicht abgeben.

Bitte.

Versuche die Scheide zu halten.

 

Ditha

Was wirst du tun.

 

Ait

Das weißt du.

 

Ditha

Und das ist dann dein Abscheu.

 

Ait

Ich weiß es nicht.

Vielleicht ist es ein Spiel.

Laß es uns versuchen.

 

Fomma

So lange habe ich meine Tasche nicht geöffnet.

Aber immer noch trage ich sie bei mir.

Schon längst hätte ich Tasche und Relikte wegwerfen müssen.

Jetzt ist es an der Zeit.

Ich sollte die Tasche ins Wasser schmeißen. Die Tasche gefüllt mit den Relikten.

Aber das kann ich nicht.

Ich muß alle Relikte einzeln herausnehmen und einzeln ins Wasser schmeißen.

Aber ist das möglich.

Die Relikte rühren mich.

Die Rührung zieht mich ins Wasser hinein.

Ich will aber noch ein wenig ohne Tasche und ohne Relikte sein.

Ist das möglich.

Ich werde es versuchen.

Also.

Vorsichtig die Tasche öffnen.

Langsam mit der rechten Hand hineingehen.

Oh. Es ist so viel drin.

Langsam etwas herausziehen.

So.

Oh. Was ist das.

Oh. Es ist etwas mit Haken und Ösen und Schnüren.

Der Bauch wird damit geschnürt.

Ich bekam es von ihr. Der Mutter.

Nein. Ich bekam es nicht.

Ich wollte es.

Ich nahm es mir.

Nach ihrem Tod nahm ich es mir.

Ich trug es nie nach ihrem Tod.

Heimlich trug ich es manchmal.

Ich zog es heimlich an und begann mich zu schnüren.

Ich war damals noch jung. Ich war klein.

Ich war dünner damals als sie es gewesen ist damals.

Ich brauchte nicht so fest schnüren.

Ich schnürte mich.

Und dann hatte ich mich geschnürt.

Und dann zog ich ein Kleid an. Es war ihr Kleid.

Und ich bemerkte meinen geraden Gang.

Und ich bemerkte meinen kurzen Atem.

Ich hielt mich für schön. Damals.

Und ich begann zu träumen.

Ich träumte von ihm der die Schnürung lösen würde.

Es kamen viele.

Keiner konnte die Schnürung lösen.

Ich kann es jetzt ins Wasser schmeißen.

Nach meinem Tod ist keine da es zu nehmen.

Nach mir hat es nie eine heimlich anprobiert.

Also.

Ins Wasser damit. Zu den Fischen.

So.

Jetzt greife ich noch einmal hinein.

So.

Oh je.

Es ist wieder etwas so Schaudern machendes.

Es rührt mich so.

Ich bin grausam zu mir.

Ich sollte die Dinge nicht herausholen.

Die damit eintretende Rührung kränkt mich.

Warum die Relikte wieder herausholen.

Es gibt keinen Grund.

Es gibt nur meine Grausamkeit.

Die Relikte sollten im Dunkeln bleiben.

Ich sollte mich nicht zur Rührung bringen.

Ich schließe die Tasche wieder.

Ich sollte die Tasche ins Wasser schmeißen.

Die ganze Tasche mit allen Relikten sollte ich ins Wasser schmeißen.

Aber dann habe ich keine Tasche mehr.

Was ist eine alte Frau ohne eine Tasche.

Meine Hand ist leer dann.

Ich bin alleine dann.

Die Tasche ist schon so alt.

Fast mein ganzes Leben nun trage ich die Tasche herum.

Das Wasser wird mir die Tasche nicht zurückgeben.

Werfe ich sie ins Wasser ist sie weg. Für immer weg.

Ich kann sie nicht ersetzen.

Die alte Tasche läßt sich nicht ersetzen.

Ich bin alt.

Bald werde ich sterben.

Dann muß ich ohne Tasche bis zum Tod gehen.

Kann ich es versuchen.

Darf ich es versuchen.

Sollte ich es versuchen.

 

Ditha

Fomma. Du alte Fomma. Sieh.

Ich halte die Scheide in den Händen.

Ait wird kommen.

Ait wird mit dem Schwert in die Scheide gehen.

 

Fomma

Das ist gut.

 

Ditha

Ait.

Was rennst du herum.

Was springst du herum.

 

Ait

Ich muß mich in Position bringen.

Noch nie bin ich mit dem Schwert in der Hand in die Scheide gestürzt.

Noch nie habe ich das Schwert in die Scheide gerammt.

Immer habe ich das Schwert in die Scheide zurückgetan.

Aber jetzt werde ich das Schwert in die Scheide stoßen.

Ja. Stoßen. Und rammen. Und stürzen.

 

Ditha

Wie soll ich die Scheide halten.

 

Ait

So daß ich gut hineinkann.

 

Ditha

Ich halte also die Scheide zwischen meine Beine.

 

Ait

Das ist gut.

Ich komme. Ich komme.

 

Ditha

Halt. Nein.

Ich.

Ich weiß nicht.

Ich habe Angst.

Es geht nicht.

 

Ait

Du willst es aushalten. Hast du gesagt.

Stell dich hin.

Halte die Scheide hin.

 

Ditha

Und wenn du daneben stößt.

Wenn du in Bauch oder Beine hineinrammst.

Wenn ich die Wucht der Stöße nicht auffangen kann.

 

Ait

Du brauchst nur stehen und nichts tun.

Ich muß rennen und stoßen und rammen.

Ich brauche die Kraft. Du nicht.

Du sollst nur stehen.

Ich werde nicht daneben stoßen.

Das Schwert wird genau in die Scheide treffen.

Schwert und Scheide gehören zusammen.

 

Ditha

Etwas stimmt so nicht.

Ich muß nicht nur stehen.

Etwas fehlt.

 

Ait

Stell dich hin.

Ich will beginnen.

 

Ditha

Nein.

Wo soll ich hin mit der Wucht deiner Stöße.

Ich werde nach hinten fallen.

 

Ait

Du mußt aufrecht stehen bleiben.

Tue es.

 

Ditha

Nein.

Erst einmal setze ich mich hin.

 

Ait

Du Weib du.

Stehe auf.

 

Ditha

Nein.

 

Ait

Fomma. Hilf mir.

Rede mit ihr.

Sie steht nicht auf.

 

Fomma

Ich habe alles gesehen.

Ait. Entferne dich ein Stück.

Ich setze mich zu Ditha auf den Boden.

 

Ait

Du sollst sie zum Stehen bringen.

Sie wollte es ausprobieren.

 

Fomma

Geh. Ait.

 

Ditha

Ja Fomma. Setz dich zu mir.

Fomma. Hast du Ait gesehen.

Hast du sein Gesicht gesehen. Seine Augen.

Fomma. Ich werde die Wucht seiner Schwertstöße nicht aushalten.

 

Fomma

Auch ich weiß die Wucht der Stöße nicht auszuhalten.

Ich habe sie nie ausgehalten.

 

Ditha

Hast du es probiert.

 

Fomma

Ja. Oft habe ich es probiert.

 

Ditha

Und. Was passierte.

 

Fomma

Ich wurde ganz klein und haßte mich und liebte mich im Haß.

Und er. Er blieb weit weg.

Vielleicht war er mir gleichgültig.

Vielleicht war er mir nicht gleichgültig.

Ich weiß es nicht.

Ich spürte bald nichts mehr.

Es blieb nichts zurück.

 

Ditha

Ich will gebären. Fomma.

 

Fomma

Ich weiß.

Dann mußt du die Wucht der Stöße aushalten.

 

Ditha

Warum.

 

Fomma

Ich weiß es nicht.

Probiere es aus.

Ich wollte nie gebären.

Ich habe die Wucht der Stöße nie ausgehalten.

 

Ditha

Aber hast du gesehen, Fomma, hast du die Augen des Mannes Ait gesehen Fomma.

 

Fomma

Ja.

Denke nicht an den Mann Ait.

Bebildere den Mann.

Ich habe es nie getan.

Ich hätte es tun sollen.

Nun ist es zu spät.

Nun bin ich alt.

Ich habe den Mann nie bebildert.

Verstehst du. Ich habe den Mann nie bebildern können.

Gehe also hin.

Halte die Scheide.

Und dann sieh.

Beginne den Mann zu bebildern.

 

Ditha

Also gut.

Ich stehe auf.

Ich nehme die Scheide.

Ait, sieh, ich nehme die Scheide in die Hände.

Ich stelle mich hin.

Ich halte die Scheide fest in den Händen.

Ait.

Mache dich bereit.

Ich schließe die Augen.

 

Ait

Ich komme.

 

Fomma

Wie er rennt.

Wie er Laute ausstößt.

Wie er das Schwert mit beiden Händen hält.

Wie sich sein Gesicht verändert.

Wie er stark ist.

Wie er strotzt.

Wie er bebt.

Wie er zittert.

Wie er in Aufruhr ist.

Wie er in Spannung ist.

Oh. Er wird hart stoßen.

Und Ditha.

Ditha steht mit geschlossenen Augen.

Dithas Gesicht erwartet etwas.

Ditha hält die Scheide waagerecht mit beiden Händen zwischen den Beinen.

Ditha steht fest.

Ditha steht mit leicht gebeugten Knien.

Ditha hört Aits Laute.

Dithas Gesicht zeigt Furcht.

Ditha bleibt fest stehen.

Er rennt auf Ditha zu.

Ditha hört seine Laute.

Er will das Schwert hineinstoßen.

Er ist nah dran. Nah dran.

Da reißt Ditha die Scheide ein Stück weit hoch.

Dithas Gesicht ist voll mit Furcht.

Die Scheide zwischen Dithas Beinen zeigt jetzt am Scheidenende nach unten.

Die Scheidenöffnung ragt hoch.

Er kann nicht hinein.

Er kann so nicht hinein.

Halte es richtig. Ruft er ihr zu.

Halte es waagerecht. Ruft er ihr zu.

Da verzerrt sich Dithas Gesicht.

In Dithas Gesicht ist Wut.

Nein. Ruft Ditha. Warte. Schreit Ditha.

Ditha bringt die Scheidenöffnung langsam wieder ein Stück in die Waagerechte.

Jetzt versuch es. Ruft Ditha. Und ihr Gesicht zeigt Furcht und zeigt Wut und verzerrt sich.

Und er versucht das Schwert hineinzubekommen.

Aber er kann nur wenig ganz wenig in die Scheidenöffnung hinein.

Er bohrt mit der Schwertspitze vorne in der Scheidenöffnung.

Er stößt mit der Schwertspitze vorne in der Scheidenöffnung oben an der Scheidenwand.

Er stößt. Er stößt.

Er kann nicht hinein.

Er stößt mit dem Schwert stößt mit dem ganzen Körper.

Ditha schreit.

Ditha schreit laut.

Dithas Gesicht ist voll mit Wonne. Dithas Gesicht ist verzerrt. Das Gesicht ist voll mit greifenden Regungen.

Da plötzlich reißt Ditha die Scheide in die Waagerechte.

Und er.

Er wird hineinstoßen.

Er stößt hinein.

Ditha läßt ihn hineinstoßen.

Die Scheide in Dithas Händen nimmt das lange Schwert auf.

Das lange Schwert verschwindet in der Scheide.

Die Scheide saugt an dem langen Schwert.

Da reißt er das Schwert ein Stück weit wieder heraus. Und stößt es wieder hinein.

Ditha beginnt die Scheide zu bewegen.

Ditha hält die Augen geschlossen.

Dithas Fingerknöchel erheben sich weiß und gespannt.

Er zieht das Schwert heraus stößt es hinein.

Ditha bewegt die Scheide nach vorne nach hinten.

Er rammt jetzt.

Er stößt Laute aus.

Sein Körper rammt das Schwert hinein.

Dithas Hände sind rot. Die weißen Fingerknöchel glänzen.

Dithas Mund ist weit geöffnet.

Ein langanhaltender Ton kommt aus Dithas Mund.

Der Ton ist voll und ist dunkel.

Der Ton ist gierig.

Der Ton giert. Und giert.

Giert laut. Giert tief.

Bis Ditha dem Ton keine Kraft mehr gibt.

Und Dithas Fingerknöchel nicht mehr weiß sich erheben.

Und Dithas Körper noch steht und dann sie sich langsam hinsetzt und er das Schwert losläßt und das Schwert in der Scheide steckt und Ditha sitzt und Scheide und Schwert vor ihr zwischen ihren Beinen liegen.

Da ist Dithas Mund geschlossen. Und Dithas Augen sind geschlossen. Dithas Gesicht ist gerührt. Dithas Mundwinkel und Dithas Wangen zeigen Dithas Lächeln von weit her kommend bei ihr angekommen.

Und so setzt sich auch Ait.

Und ist ganz bei Sinnen.

Und blickt auf Ditha.

Ich kann jetzt gehen.

Ditha weiß jetzt wie sie gebären kann.

Und ich habe es auch gesehen.

Ich nehme jetzt meine alte Tasche.

Ich werde jetzt die alte Tasche ins Meer schmeißen.

Die alte Tasche und die alten Relikte werde ich ins Meer schmeißen.

Das ist alles was ich noch tun kann.

Ich werde keinen Zeh mehr ins Wasser halten.

Ich bin alt.

Bald werde ich sterben.

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